Diebstahl aus der Geisterküche

Our Ghost-Kitchen Future

„Wie alle Plattformen haben auch Gastro-Lieferdienst-Apps ihre Probleme mit der Moderation von Inhalten: Vor ein paar Monaten merkte Pim Tehamuanvivit, die Eigentümerin des modischen, Michelin-gekürten Thai-Restaurants Kin Khao in San Francisco, dass ihr Restaurant auf den Grubhub-Lieferplattformen geführt wurde. Ohne, dass sie zugestimmt hätte. Die Lieferungen wurden in einer Schwindler-Küche vorbereitet. Diese Küche (Happy Khao Thai) war eine Marke von Reef. Grubhub behauptete, dass die Software aus Versehen die beiden Restaurants zusammengeführt hätte: Sie hätte Kin Khaos Marke und Kontaktinfo mit dem Menü von Happy Khao Thai verbunden. Doch der Vorfall zeigte das Macht-Ungleichgewicht zwischen Restaurantbetreibern und Liefer-Plattformen, von denen viele die Restaurants ohne Zustimmung oder Absprache in ihren Apps führen.“

Wem der Begriff nicht geläufig bist: Ghost Kitchens sind Küchen, die einzig für Marken in Liefer-Apps kochen („Marken“, weil es ja de facto keine Restaurants sind). Teilweise übernehmen sie mehrere Marken, ein Sandwich lässt sich ja recht schnell von klassisch amerikanisch zum Thai-Stil etc. modifizieren. Die Namen sind mehr oder weniger generisch, die Speisekarten der Marken richten sich nach der entsprechenden Daten-Analyse (z.B. was in bestimmten Stadtvierteln besonders gefragt ist).

Ghost Kitchens sind in Deutschland noch ein Nischenphänomen, doch spätestens nach dem Herbst wird sich die Ausbreitung beschleunigung, nehme ich an (höhere Infektionszahlen, größeres Risiko bei Restaurantbesuchen wg. fehlender Außenflächen, grundsätzliche wirtschaftliche Probleme der herkömmlichen Gastronomie).

Klassischerweise führt Ex-Uber-Chef Travis Kalanik bekanntlich „Cloud Kitchen“, einen 360-Grad-Dienstleister für Gastronomen, die einsteigen wollen. Wie immer ist in der Plattform-Ökonomie die Trennlinie zwischen Unternehmer-auf-Plattform, Subunternehmer und prekärer Selbständigkeit-as-a-Service fließend.

Das Modell des oben erwähnten Reef war mir neu: Ein Startup, das mit einem Milliarden-Investment von Soft Bank (wem sonst) die beiden größten amerikanischen Parkplatz-Betreiber gekauft hat. Und jetzt diese Parkplätze teilweise unter anderem für Container-Küchen im Geisterstil nutzt (und aktuell auch für mobile Covid-19-Testeinrichtungen vermietet). Natürlich sind das am Ende des Tages keine Firmen im Sinne von „Urbanität neu denken“ oder „Lieferdienste optimieren“, sondern Monopolisierungs-Strategien. Wie auch die Konsolidierung auf dem europäischen Markt für Essenslieferdienst-Plattformen zeigt.

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