Max Webers politische Archetypen

Talking Politics: History Of Ideas (Q & A)

David Runciman (ungefähres Transkript):

„Wenn du Max Webers Vorlesung nimmst, vor allem das letzte Drittel, das ziemlich einer Predigt ähnelt, dann findest eigentlich fast alle gegenwärtigen Politiker. Ja, es gibt diese Momente, in denen diese speziellen möglichen Unverantwortlichkeiten von Leuten wie Trump drin stecken: Die Macht um der Macht Willen, das Schauspiel, das letztlich das Ganze wird. Die endlose Suche nach Aufmerksamkeit, um seine Macht anzuwenden, ohne zu wissen, wofür die Macht gut ist, es sei denn, sie ist für Dinge, die du nicht zugibst, weil sie unglaublich schädlich sind. Ja, das ist definitive eine Variante der Weber’schen Unverantwortlichkeit.

Aber ich kann dort auch Putin entdecken: Der ehemalige KGB-Agent, der den Eindruck erweckt, Emotionen aus einem KGB-Handbuch gelernt zu haben – wenn er weint, ist es so wie Seite 719 im Handbuch ’so weinst du, wenn etwas Schlimmes passiert ist`. Bolsonaro ist ein typischer gescheiterter-Soldaten-Politiker, und Weber warnt speziell vor denen. Vielleicht sind erfolgreiche Soldaten schlimmer, keine Ahnung, aber für Weber ist das Militär kein gutes Training für politische Führung.

Du kannst es in Salvini in Italien sehen: ein sehr weber’scher Maulheld. Aber du erkennst es auch in den Leuten, die keine Emporkömmling-Populisten sind: [Labor-Chef] Keir Starmer kommt in Webers Vorlesung vor. Er ist ein klassischer Anwalt-Politiker. Weber sagt zwar, dass Anwälte und Journalisten das beste Training für Berufspolitik durchgemacht haben, aber damit sind auch Untugenden verbunden: Wir haben in Großbritannien einen Anwalt, Starmer, und einen Journalisten, Johnson. Weber sagt: Das ist gut, besser als ein Soldat und ein Priester. Aber der Journalist kann wirklich oberflächlich sein, weil Journalismus oberflächlich ist. Und der Anwalt kann zu verfahrensorientiert handeln. Und Politik kann weder das eine, noch das andere alleine sein.

Biden ist dort drin: Er ist zu verliebt in seine Fähigkeit, zu dramatisieren. Er hat das Weinen nicht aus einem KGB-Handbuch gelernt; wenn er weint, denkt er an all die furchtbaren Tragödien, die seiner Familie zugestoßen sind. Und Weber ist bewusst, dass es verführerisch ist, deine politische Persönlichkeit zu werden. Und das ist gefährlich, weil du von deiner eigenen Rolle verführt werden kannst. Angela Merkel ist da drin: Die Politikerin, die es sich zu bequem darin gemacht hat, auf die Fehler andere Menschen zu warten.

Was Webers Vorlesung ihre transzendentale Größe gibt, ist: Wir kommen alle dort drin vor. Alle Politiker, und auch diejenigen, die überhaupt über Politik nachdenken. Deshalb ist es wie eine Predigt: Weber sagt nicht ‚das sind die Bösen‘ und der Rest ist in Ordnung. Sondern jeder Mensch in der Politik ist Versuchungen ausgesetzt. Und es ist unglaublich schwer, ja unmöglich, ihnen zu widerstehen.“

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