Progressive Paranoia

Als das Weiße Haus Donnerstagnacht die Corona-Diagnose Donald Trumps veröffentlichte, gab es auch in der deutschen Twittersphäre Zweifel. Er lügt doch ständig, warum sollte das kein Trick sein, um die Umfragewerte zu verbessern? Kai hat den Mechanismus hier thematisiert, ich hatte kurz vor der US-Wahl 2017 einmal über das „Theater ideologischer Konfusion“ geschrieben.

Und doch, mit 30 Sekunden Nachdenken kommen Zweifel an diesem einfachen Narrativ auf: Warum sollte Trump das tun, er müsste gleichzeitig auf Wahlkampfauftritte verzichten. Ist „Präsident wird krank“ wirklich gleich „Präsident bekommt Sympathiestimmen“? Ein Arzt, der sich für eine Falschdiagnose hergibt (wir reden hier nicht von Schönfärberei)? Wie viele Mitwisser müsste es geben und wie wahrscheinlich ist es, dass da niemand plaudern würde?

Aber solche Einwände spielen eben keine Rolle. Trump ist alles zuzutrauen, so die einfache These. Im Juni haben einige deutsche Progressive sogar diesen Schwachsinn hier mit Eifer verbreitet:

Die anderen sind paranoid, rücksichtslos, ihnen ist alles zuzutrauen. Wir sind rational, wir haben die Struktur der Welt verstanden, wir sind nur skeptisch, nicht verblendet: Das ist die Logik, die wir aus dem amerikanischen Kulturkampf und seiner Software importiert haben.

Das gilt weitestgehend für die politische Rechte, inzwischen aber auch für große Teile der (Social-Media-)Progressiven, wenn auch auf unterschiedliche Art.

Tribalismus (oder auch: Othering) beeinträchtigt das Urteilsvermögen, weil Tribalismus die Reduktion von Komplexität benötigt, um zu funktionieren. Genauer: Er benötigt Dichotomien wie „Checker vs. Unaufgeklärte“, „die Guten vs. die Bösen“ und letztlich „die Unsrigen gegen die Anderen“.

Das wiederum öffnet die Tür dafür, den „Anderen“ alles zuzutrauen – außer Interesse an der Wahrheit und/oder nachvollziehbare Motive. Und tatsächlich lösen sich Interesse an objektiver Wahrheitsfindung und rationale Motive in solch einem Kontext am Ende bei allen Beteiligten auf.

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