Ein Mangel an Begründung

Bei 75 Prozent der Infektionen lassen sich derzeit die Umstände nicht mehr nachverfolgen. Welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen?

Kanzlerin Angela Merkel beantwortet es so: Weil man gar nicht behaupten könne, dass bestimmte Bereiche des öffentlichen Lebens nicht zum Infektionsgeschehen beitragen, müsse man einfach grundsätzlich dicht machen, um die Kontakte zu reduzieren.

Das ist, gelinde gesagt, dünn. Wir stehen ja nicht am Anfang. Eine fehlende Datenbasis bedeutet nicht, dass es keine Untersuchungen gibt über Ansteckungsrisiken in geschlossenen Räumen, speziell in der Gastronomie (hier zum Beispiel jeweils journalistisch aufbereitet). Oder dass die Regierung in den vergangenen Monaten nicht entsprechende Studien regierungsseitig hätte in Auftrag geben können (nicht nur für Kitas und Schulen, sondern grundsätzlich).

Und es ist nicht so, dass es alle gleich träfe. Vielmehr treibt man das Motto, das der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann vor 14 Tagen ausgegeben hatte, auf die Spitze: “Partys muss man nicht feiern, arbeiten und lernen schon”, hatte der gesagt. Feiern darf man schon noch, aber nur Gottesdienste (fair enough, der besondere Schutz durch Art. 4 GG gilt). Ansonsten gilt mehr oder weniger: Freizeit muss nicht, arbeiten und lernen schon. Wirtschaft, Bildung (die ja wg. der schwierigen Vereinbarkeit von Familie und Beruf speziell während Corona auch wirtschaftliche Aspekte hat) und Gesundheit erhalten Priorität.

Diese Widersprüche dürften gerade angesichts der unterschiedlichen Infektionsgefahren auch manch Wohlwollenden schwer zu vermitteln sein: Morgens zur Arbeit in vollen Öffis fahren, aber abends nicht ins hygienekonzept-erprobte Gasthaus gehen dürfen. Die Kinder sitzen unter der Woche im mäßig aerosolfreien Klassenzimmer, aber Vaters samstägliche Thai-Chi-Gruppe im Park wird abgesagt. Der Profisport (Wirtschaft) läuft weiter, der Amateursport kommt samt und sonders zum erliegen. Dazu kommen noch widersprüchliche Ansagen aus den Kommunen: Maskenpflicht in belebteren Teilen des öffentlichen Raums zum Beispiel, obwohl Menschen sich dort in der Regel nicht besonders lange über den Weg laufen und es kaum Indizien für erhöhte Ansteckungsgefahr an der frischen Luft gibt.

Kurz zur Erinnerung: Bei den 25 Prozent nachvollziehbarer Infektionen spielen offensichtlich Privatfeiern eine große Rolle. Nun lässt sich das Private zurecht nur schwer regulieren, zumal wenn es in privaten Räumen stattfindet. Aber stattdessen pauschal alles außer Konsum und Arbeit abzusagen, ist nicht verhältnismäßig. Sondern erweckt den Eindruck einer Politik, die zwar monatelang die Relevanz wissenschaftlicher Erkenntnisse betont – und dann dieses Prinzip im Zuge einschneidender Maßnahmen letztlich über Bord schmeißt. Die Gerichte werden sich das zurecht genau ansehen.*

Es gibt in dieser Gesundheitskrise gute Begründungen, der Bevölkerung und auch bestimmten Gewerbetreibenden Einschränkungen aufzuerlegen und Entbehrungen abzuverlangen. Diese sollten aber auf wissenschaftlichen Erkenntnissen aufbauen und von der Bundesregierung auch auf dieser Basis vorgetragen werden.

  • Update 31. Oktober: Die Söder-Passage habe ich entfernt, da dessen Aussagen beim Spiegel wohl zugespitzt interpretiert wurden.

Foto: Kurt Stocker, Flickr

2 Gedanken zu „Ein Mangel an Begründung“

  1. kleine anmerkung dazu: wissenschaft und praxis sind leider oft weit auseinander. gerade das beispiel von el pais zeigt das schön. die illustrierte kneipe wird durch drei oder vier wege mit einer richtigen anlage belüftet; bei der schule sind alle fenster und die tür offen.

    in der praxis hat meine lieblingskneipe die tür eventuell offen stehen (macht vielleicht auch jemand zu); eine belüftungsanlage ist vorhanden (aber läuft die wirklich? hat die genug kraft?); fenster gibt es nicht. und da gibt es keine instanz, die prüfen oder zertifizieren könnte, ob die tür offen ist, die anlage richtig läuft und die gästekapazität stimmt.

    insofern bliebe nur auf die mündigkeit der bürger vertrauen (siehe letzte zwei monate) oder eben maßnahmen zu ergreifen, die in vielerlei hinsicht mangelhaft sind.

    aber ganz richtig ist der befund zu arbeit/lernen vs. freizeit. „all work and no play makes jack a dull boy.“

  2. @Thomas: Guter Punkt, klar, ist nicht alles Din-genormt in der Realität. Eigentlich im Gastro-Bereich das wenigste…

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