Blogs, Newsletter und digitale Gärten

 

Achtung, Meta! 

Hier, wie auch im Microblog, passiert im Moment nicht viel. Das liegt daran, dass das Internet-Observatorium einen großen Teil meiner kleinen Blog-Zeit in Anspruch nimmt. Aber auch andere Faktoren spielen eine Rolle: Der Gutenberg-Editor, der das Bloggen verkompliziert und nicht wirklich Lust macht, etwas zu schreiben. Das Bewusstsein, dass Serendipität zur Nische geworden ist – Social Media hat uns nicht nur auf Memes, reaktive Affekte, Viralität und Plattform-Verweildauer programmiert, sondern auch auf Erwartbarkeit bei Haltung und/oder Themen. Also letztlich das Gegenteil, was für mich „Bloggen als Kulturtechnik“ und eigentlich die Web-Tradition ausmacht. Fuck Aufmerksamkeitsökonomie.

Der wichtigste Grund für die fehlende Zeit ist jedoch, dass ich gerade im Backend mit Roam Research ein Wissensmanagement-System aufbaue. Das ist so kompliziert, wie es sich anhört. Ich bin davon überzeugt, dass Wissensarbeiter und Wissensarbeiterinnen (also im Informationszeitalter eine Menge Menschen) ohne ein strukturiertes Management von vernetzten (!) Informationen bald verloren sind. Und wir kommen langsam an einen Punkt, an dem Software hier tatsächlich ein mächtiges Werkzeug sein kann, um Wissen zu verknüpfen, Querverbindungen zu ziehen und gedankliche Synthesen buchstäblich auf einen Blick zu ermöglichen.

Allerdings sind die derzeitigen Systeme noch sehr technisch und verlangen mathematisch-logisches Denken, um persönliche Wissensdatenbanken aufzubauen. Ein Blick auf die Youtube-Tutorials zeigt das ganze Ausmaß an Geekigkeit. Von der Disziplin (und Zeit!) zu exzerpieren und 24 Stunden am Tag zum Notieren von Gedanken bereit zu sein, rede ich dabei noch gar nicht.

Dennoch lassen sich darin sogar publizistische Entwicklungen erkennen: Newsletter haben bekanntermaßen die Kulturtechnik des Bloggens auf eine P2P-Ebene verlegt, weil in der persönlichen Mail-Inbox Sichtbarkeit theoretisch auch ohne virale Signale möglich ist. Zugleich liegt im Trend zum Wissensmanagement auch etwas nicht-lineares, das in den vergangenen 18 Monaten dem Schlagwort „Digital Garden„/“Digital Gardening“ (digitaler Garten / digitales Gärtnern) diskutiert wurde.

Garten und Fluss

Die Garten-Metapher bildet den Gegensatz zum Fluss, also der (umgekehrt) chronologischen Anordnung: Publizieren nicht als Stream, sondern eher als Wiki. Wir verbinden mit dem Stream natürlich Social Media, auch wenn dort die Chronologie kaum noch eine Rolle spielt, weil Inhalte zwecks Monetarisierung von Aufmerksamkeit algorithmisiert ausgespielt werden.

Tatsächlich hat Amy Hoy vor längerer Zeit darauf hingewiesen, dass im frühen Web es die Blogs selbst waren, die den Paradigmenwechsel vom Garten zum Fluss vollzogen haben: Aus der Homepage wurde das chronologisch geordnete Tagebuch. Der digitale Garten ist aber keine Rückkehr zur Geocities-Homepage – sondern in seinem Wesen der Versuch, Gedankenprozesse zu entwickeln, abzubilden und zu vernetzen. Das Unfertige, die Skizze hat ihren Raum, ohne ein Beitrag sein zu müssen oder einem Datum zugeordnet zu werden. 

Die freie Form ist aber nicht ziellos: Zeitgleich entsteht im Garten durch Pflege – also Synthese, Vernetzung und Veredelung von Ideen – eine Essenz. Zum Beispiel: Eine Knotenpunkt-Seite mit einer Theorie zur Plattform-Aggregation (ich nehme Ben Thompson, weil er de facto im linearen Blogformat digital gärtnert, nämlich nachdenkt und Theorien modifiziert). Ein verlinkendes Kompendium von Faktoren, die den Populismus in Land XY begünstigen. Oder eine Seite, die Ideen für ein gutes Leben beschreibt und auf verschiedene Konzept-Unterseiten verlinkt. De facto also ein Wissensgraph, auf den alle Zugriff haben.

Geöffnete Wissensgraphen werden lineare Publikationsformen natürlich nicht ablösen. Aber ich glaube, dass sie sowohl bei Spezialthemen eine Rolle spielen werden, als auch der Idee der Serendipität neues Leben einhauchen können. Im Idealfall entstehen kleine Universen, die einen Kontrast zum flachen, auf die Gegenwart fixierten und auf Viralsignale ausgelegten Content bilden (der sich nicht nur auf Social Media findet). Universen, die auch kollaborativ entwickelt werden können oder den Kern einer Community von Interessierten bilden. Die eine Tiefe haben, die der Komplexität der Dinge gerecht wird. Und damit eine Alternative zu Flachheit und einfachen Antworten bilden. Und, ganz vielleicht, steckt in diesem ständigen Werden auch eine digital-adäquate Umsetzung des Prinzips Buch.

Foto: Ben Low, Flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

 

 

 

5 Gedanken zu „Blogs, Newsletter und digitale Gärten“

  1. Wow! Hast Du den Blogartikel nur für mich geschrieben? Verrückt. Das sind ja alles meine Themen.

    ad Gutenberg) Ach? Echt? Also hier (im Palasthotel-Umfeld) haben auch alle eine Weile gerbaucht, bis sie mit Gutenberg warm geworden sind, aber inzwischen sind so ziemlich alle ziemlich angetan. Das ist in der Tat ziemlich anders. Und ich finde das UI auch nicht immer gelungen, aber vieles ist doch echt gut.

    ad Roam) Ist das gerade hip? Mir ist erst vor kurzem von Arne Obsidian empfohlen worden und ich hatte das in der Tat in Betracht gezogen, war dann aber doch irgendwie abgeschreckt, weil es viel Handarbeit bedeutet. Roam sieht ja fast identisch aus. Biste damit zufrieden? Oder anders … wie nutzt Du das?

    ad Wissensnetz) Sooo … jetzt wird’s spannend! Der Unterschied zwischen Blog und Wiki ist nicht der zwischen Garten und Fluss. Wikis sind ebenso Flüsse wie Blogs und Blogs sind ebenso Gärten wie Wikis. Das Flüsserne oder Gärtnerige an beiden ist die Perspektive auf die Kreationsreihenfolge und den Beitragsanlass. Das Gärtnernde an beiden ist das Aufbau eines nichtlinearen Wissensraumes. Konstantin hat dazu für mich mal eine wundervolle Graphik gemalt. Ein reines Wiki funktioniert kaum anders.

    In zwischen bin ich aber von der expliziten Modellierung als Wissensnetz abgekommen. Auf der persönlichen Ebene liegt in dem Aufwand, der das bedeuten würde kaum Mehrwert, gegenüber einem Blog, das als Zettelkasten dient. Kategorien, Tags, Themenseiten für die aller wichtigsten Leuchttürm und Volltextsuche reicht eigentlich völlig aus. Sinniger als das, was Roam und Obsidian machen, wäre – mbMn – der Ansatz, das Wissen, dass bei Blogs rausfällt (insb. in Form von Tags und Artikel) (semi-) automatisiert mit Daten aus bestehenden Wissensnetzen anzureichern, sprich:

    1. Für jedes Tag schauen, ob es einen dazu korrespondierenden Wikipedia-Artikel gibt.
    2. Für jedes Tag schauen, ob es dafür Beziehungen zu anderen eigenen Tags, in der Wikipedia oder einer anderen Wissensbasis gibt.
    3. Artikel nach Vorkommen von Tags durchsuchen und (semi-) automatisiert nachverschlagworten.
    4. Die häufigsten Themen/Tags nachträglich händisch hierarchisieren oder verknüpfen um Querverbindungen herzustellen.
    5. Über die neuen Verbindungen dann ggf. Artikel wieder automatisch nachverschlagworten

    ad Gegenkonzept) Ich fand da ja immer wichtiger, dass diese Formate ermöglichen eine Art pluralisitsche, dezentrale Gegen-Wikipedia ermöglichen, sodass ich die Chance habe, andere Definition von wichtigen Begriffen zu finden, und deutlich wird, dass es Lexikon-Artikel eben auch nur redaktioneller Inhalt sind, der massivst kulturell gebiast ist.

    Mein Lieblingsbeispiel war da immer, dass in Deutschen Lexika lange stand, dass es vier Ozeane gibt: Atlantik, Pazifik, Indischer Ozean und Südmeer. Als mein damaliger Arbeitgeber seinen Inhalt nach Russland verkaufen wollte, waren die Russen schwer schockiert, dass der Arktische Ozean fehlt. (Die Wikipedia listet jetzt fünf auf.)

    ad Aufmerksamkeitsökonomie) Ja! Das ist das eigentliche Schlachtfeld. Ich bin ja inzwischen überzeugt, dass 90% den Internet eine reine Zeittotschlag-Funktion hat und man sich oft und gerne einredet, dass es irgendwie irgendetwas anderem dienen würde. Aber in Wahrheit schlagen wir nur Zeit tot. Und dafür sind die Streams latürnich idealst. Einfach immer weiter nach unten swipen. Das Zappen der 20er.

  2. @Ben: Ha! Ich weiß natürlich, dass Du dich damit beschäftigst und habe das Semantic Weblog noch gut in Erinnerung, aber eigentlich habe ich das mehr für mich geschrieben, um mal über Wissensmanagement nachzudenken.

    #Gutenberg: Ich weiß nicht, einerseits ist es natürlich gestalterisch viel flexibler, anderseits geht dieses „Blogge los und denke nicht nach“ in der UX verloren.

    #Roam: Ich glaube, die Community von Roam ist größer als die von Obsidian, da lassen sich ja auch Skripte reinprogrammieren etc. Ich sammle alles mögliche dort, vor allem zu Digitalthemen, und baue so ein Kompendium zum Nachschlagen. Aber du hast natürlich recht: Das ist keine mühelose Arbeit, ich bin mir nicht mal sicher, ob der Ertrag irgendwann unterm Strich den Aufwand rechtfertigt.

    #Zettelkasten: Die Idee am Zettelkasten ist ja auch, da regelmäßig aus dem Material zur gedanklichen Verfeinerung der Ideen zu kommen, sei es durch Neu-Zusammenfassungen bestehenden Wissens, sei es durch Quervernetzung. Genau das ist in der Blog-Oberfläche ja schwierig, auch wenn ich das gut tagge. Für mich persönlich steht ja auch die Hürde im Weg, dass nicht alles, was ich aufschreibe, für mein Blog relevant ist. Übrigens ist „How to Take Smart Notes“ von Söhnke Ahrens, das die Zettelkasten-Methode im digitalen Kontext beschreibt, in den USA echt stark rezipiert. Gerade in dieser Knowledge-Management-Szene.

    #Gegenkonzepte: Ich hatte mich vor längerer Zeit mit Tiddlywiki etc. beschäftigt. Das Ganze war ja auch mal ein Traum, eine Welt voller Wikis. In irgendeiner Form, das habe ich ja geschrieben, sehe ich da durchaus Potenzial.

    #Aufmerksamkeitsökonomie: Ja, es ist ein ziemliches Leid. Alles sehr verhaltensberechenbar geworden.

  3. Jetzt ist fast ein Monat vergangen. Bist du mit Roam weitergekommen? Ich überlege nämlich auch, ob ich das einsetzen soll, um nicht den Überblick über die Themen, über die ich schreibe, zu verlieren bzw. nicht so viel Zeit mit Suchen verbringen zu müssen. 😉

    Hast du dir noch Alternativen angeschaut?

    Danke & vielen Dank auch für die vielen Beiträge und Microblogs der vergangenen Monate!

  4. Liebe Ute, entschuldige die späte Antwort. Grundsätzlich würde ich Dir raten, erst einmal Notion und Obsidian anzugucken. Notion hatte ich damals vor Roam ausprobiert und fand es nicht so intuitiv. Inzwischen haben sie aber auch zweiseitige Links für Schlüsselwörter (und die Integration mit anderen Diensten ist auch gut).
    Obsidian hat den Vorteil, dass es kostenlos ist.
    Ich finde Roam recht funktional, auch wenn ich zum Beispiel die Skript-Funktionen gar nicht nutze. Ich glaube, das klassische Problem ist die Zeit: Also sich die Zeit zu nehmen, Dinge auch einzutragen, und das möglichst nachvollziehbar und nah an der Lektüre/dem Gedanken.

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