Seltsame Jahre #02

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Der Stand der Dinge

Ich habe nicht das Gefühl, dass ich zur üblichen „Was-ist-in-den-USA-los“-Debatte besonders viel beitragen kann. Nach der Wahlnacht 2020 habe ich geschrieben:

„Insgesamt deutet sich unabhängig vom Ergebnis an, dass sich die amerikanische Demokratie eher in Richtung jener Versionen entwickelt, die wir aus Lateinamerika kennen: In zwei unversöhnliche Lager gespalten, operettenhaft, unstet, stagnierende und mit ständigen Versuchen, das System zu biegen. Dazu passt auch das neue Narrativ in Teilen der politischen Online-Rechten, das mir in den vergangenen Tagen hin und wieder begegnet ist: Man sei vor allem eine Republik, das bedeute nicht unbedingt, eine Demokratie zu sein.“

An den Lateinamerika-Vergleich musste ich am Mittwochabend häufiger denken. Der Unterschied ist wahrscheinlich: In den USA gibt es mehr Waffen, geht es um mehr Geld, sind die Erwartungen an Politik durch den hohen Grad an Politisierung noch höher. Und natürlich haben die Ereignisse stärkere geopolitische Folgen.

Auf der persönlichen Ebene verbinden mich Dinge, Menschen und Erinnerungen mit diesem Land. Aber ich merke auch, dass die Beschäftigung mit der dortigen Politik auslaugt. Viele Menschen dort haben vier traumatisierende Jahre erlebt, die in der Gewissheit münden: Die amerikanische Ur-Sicherheit, dass mich als Bewohner der USA meine Demokratie überleben wird, gibt es nicht mehr. Wir in Deutschland hatten diese Sicherheit nie, und dieses Misstrauen wird in den nächsten Dekaden hoffentlich hilfreich sein.

P.S.: Die Nacherzählung in The Daily ist wie erwartet hörenswert. Ich kann mich aber des Eindrucks nicht erwehren, dass in ihr auch dieser düstere Entertainment-Faktor steckt, Teil des Siegeszugs von amerikanischer Politik als Reality TV ist – und bei dem wir alle irgendwie Komplizen sind.

Social Media (dysfunktionales)

Am Rande hatte ich mich gestern Abend darüber aufgeregt:

Als die Nationalgarde ausrückte, schrieb Davis von einem „Kurswechsel“. Bislang habe ich noch keine Recherche gesehen, in dem dieser Kurswechsel vorkommt (sollte es so gewesen sein, wäre das ein massiver Skandal). Stand jetzt würde ich zwei Lehren ziehen: Journalisten sollten gerade in einer solchen Situation das Zwei-Quellen-Prinzip achten. Mindestens, denn in einer solch komplexen Krisensituation hat womöglich fast niemand einen Überblick.

Vorsicht beim Quellen-Vertrauen ist auch ein Twitter-Ratschlag (nicht, dass ihn jemand befolgen würde). Es gab eine Masse Retweets in meiner Timeline und ich bezweifle, dass besonders viele Deutsche Davis kennen und gesagt haben „guter Mann, dem glaube ich“. Vielmehr ist es diese Kombination aus Endorphin, Aufregung, Neuigkeitswert und „denen traue ich alles zu“, die wieder einmal zugeschlagen hat. Aber dieses „denen traue ich alles zu“ alleine blendet oft alles andere aus, wo es uns hingebracht hat, sehen wir ja im Social-Media-Tribalismus.

In diesem Zusammenhang fand ich auch den aktuellen Newsletter von Zeynep Tufekci interessant. Es geht um eine (de facto nicht korrigierte) Falschmeldung aus der New York Times über die Impfstrategie in Großbritannien, konkret um Mischung der Impfstoffe bei erster und zweiter Impfung. Und wurde damit zur Munition für Kritiker Boris Johnsons. Dass es nicht stimmt, spielt keine Rolle. Tufekcis Fazit:

„What we are seeing polarization and, in fact, moralization of every little thing, turning banal scientific manuals making routine recommendations into fodder for social media dunking and expressions of outrage. These developments have certainly made everything harder, including maintaining trust in public health guidelines. An ordinary person reading the article in the U.K. may leave with the impression that British scientific authorities are completely out of their minds, making outrageous, unprecedented decisions and gambling with public health on everything. The reality is much, much more mundane, and not that related to this most boring of guidelines. We’ve increasingly lost the ability to interpret even the smallest things outside of frameworks of outrage.“

„Wir verlieren immer mehr die Fähigkeit, selbst die kleinsten Dinge außerhalb eines Bezugssystems der Empörung zu interpretieren“: Dieser Satz beschreibt auch treffend, wohin sich die deutsche Mainstream-Twittersphäre in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Darunter auch einige Menschen, die ich davor noch als rational und differenzierend geschätzt hatte.

Die Impfdebatte

Ich sehe es nicht ganz wie Peter Kapern, weil die Impfstoff-Beschaffung durchaus Fragen aufwirft – zum Beispiel im Kontext Sanofi-Bevorzugung auf Druck Frankreichs. Und man kann auch darüber reden, ob Brüssel bei Vertragsabschluss die fortgeschrittenen Tests von BioNTech stark genug berücktsichtigt hat. Aber insgesamt wird die Diskussion auf sehr plattem Niveau geführt, und dass der BioNTech-Chef wie eine Art unabhängiger Sachverständiger zitiert wird, obwohl er Akteur ist und vom Druck auf die deutsche Regierung profitiert (zum Beispiel bei dem Aufbau der Marburger Produktion), ist ebenfalls… seltsam. Die Nadelöhre liegen in der Produktionskapazität für mRNA-Impfstoffe und in der Organisation der Verimpfung selber, wie wir in den nächsten Wochen in Deutschland noch stärker erleben dürften. Aber immerhin erleben wir mal, dass SPD und Bild im gemeinsamen Takt marschieren, das gab es ja eher selten. Goutiert werden wird es von den Wählern nicht.

Die Impfperspektive

Wer sich gruseln möchte, sollte diesen Ausblick des schlauen Bloomberg-Kolumnisten Noah Smith lesen. Tatsächlich ist es in Europa eine gute Idee, die jetzt geschaffenen Strukturen für Impfstoff- und Impflogistik sicherheitshalber beizubehalten und ebenso wie das Zulassungsverfahren auf Reaktionsfähigkeit gegen Virus-Mutationen zu optimieren.

Die Zukunft des Daheimbleibens

The Future of Staying Home (NewRepublic)

Corona heute, Klimawandel in Zukunft: Die eigenen vier Wände entwickeln sich vom Ankerpunkt zum Mittelpunkt (zurück). Und das vollautomatisiert. Zitat

„Modernist architects wanted to bring rationality and standardization into a profession still dominated by style, custom, and, often, whim; but they could hardly have imagined that the architecture would take over the reasoning from its human inhabitants. Currently, this is mostly limited to minor tasks like adjusting thermostats, dimming lights, and locking doors, but one can easily imagine a scenario in which homes are tasked with buffering us from an increasingly hostile exterior world: filtering out smoke, deploying inflatable dams to push back floodwaters, or raising gates to divert fires. The smart home’s system might face a daily barrage of trolley problems, while its occupants remain blissfully unaware.“

Foto: Sidney Nolan – Snake, Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0)

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