Seltsame Jahre #04

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Der Stand der Dinge

(1) Das Virus wird auch noch 2022 eine Rolle spielen. So weit,  so erwartbar. Aber welche Rolle? Eine, in der Mutationen regelmäßig den Impfschutz außer Kraft setzen, also Zulassung, Lieferketten, Produktion und Verteilung in kürzester Zeit aktiviert bzw. angepasst werden müssen, inklusiver kurzer Alltagseinschränkungen („Long Covid? Oder eine, in der wir von regionalen Ausbrüchen abgesehen ohne größere Sorgen leben?

Die Erfahrung sagt, dass es auch ohne Herdenimmunität eine Form von Normalität gibt, die der Grippe ähnelt: Durch Impfungen weniger schwere Verläufe, weniger Tote. Auf der anderen Seite steht das Virus steht unter einem großen Evolutionsdruck und kursiert an vielen unterschiedlichen Orten, die Frage einer symptomlosen Verbreitung bei nachlassender Impfwirksamkeit wird uns sicher noch beschäftigen. Ich gebe zu, dass mein Instinkt hier etwas pessimistischer als mein Verstand ist.

(2) Das Virus einzudämmen heißt, es global einzudämmen. Was in der deutschen Debatte über das „Impfversagen“ natürlich völlig in den Hintergrund geriet. Von einer globalen Verteilung kann nämlich keine Rede sein. Die Folgen – ökonomische Verwerfungen, Arbeitslosigkeit, Bildungsmangel – werden die globale Ungleichheit und ihre Sprengkraft verstärken. Und macht damit die ohnehin nachlassenden Anstrengungen der vergangenen 20 Jahre zunichte. Ganz nebenbei erhält ein weiterhin frei kursierendes Virus neue Gelegenheiten zu Mutationen, die dann auch bei uns ankommen können.

(3) Die Diskussion über die Virusbekämpfung verlief schon immer nahe am Kulturkampf. Mit der No-Covid-Bewegung (die sich von der Zero-Covid-Bewegung unterscheiden möchte) ist sie dort endgültig angekommen. Die Strategie ist insofern vage, als sie ihr Ziel eines sehr niedrigen Inzidenzwerts mit Maßnahmen wie „grünen Zonen“ (siehe auch: Zero Covid) oder besserer Kontaktverfolgung erreichen möchte. Ohne ins Detail zu gehen, wie genau die Mobilität zwischen den Zonen verhindern möchte (es scheint eine Kombination aus Ausgangs- und Straßensperren zu sein, aber ausgeführt ist das nicht) oder wie genau die Kontaktverfolgung verbessert werden soll. Aber die Mobilitätsfrage kommt ja immer ins Spiel, sobald von (wünschenswerten) regionalen Anpassungen die Rede ist. Nebenbei macht eine Protagonistin die Politik für 30 000 Tote verantwortlich und erhält dafür Applaus.

Unherd ist als Quelle insofern mit Vorsicht zu genießen, als sie ihr eigenes Süppchen kochen. Aber der Artikel über eine Konferenz der Zero-Covid-Bewegung ist insofern lesenswert, als er die Kommunikationsstrategie (“The epidemics of the 21st century are going to be fought more in communication than they are in the lab.“) beleuchtet, also letztlich den Versuch, das Overton-Fenster zu verschieben. „Storytelling schlägt Fakten“, das weiß nicht nur AOC. Und wirklich funktioniert das ja am besten damit, die Gegenposition als unverantwortlich bis unmoralisch darzustellen – eine Methode, von der an den unterschiedlichen Polen der Covid-Debatte ausgiebig Gebrauch gemacht wird. 

Ich habe vor zweieinhalb Jahren auf meinem Blog über die autoritäre Versuchung der Progressiven geschrieben: „Je stärker sich die Klimakrise verschärft, sofern das Thema politisch Konjunktur behält, desto stärker wird auch bei den Progressiven der Drang sein, dem Zweck die Mittel unterzuordnen.“ Es gibt Anzeichen, dass wir dies bereits in der Pandemie erleben könnten. Die Folgen für unsere Gesellschaft wären gravierend.

(4) Was weiterhin fehlt: Flächendeckende Testungen zur Bestimmung der Dunkelziffer, komplexere Zielwerte als der Inzidenzwert, ein regelmäßiger Blick auf die sozialen, psychologischen und gesundheitlichen Folgen des Lockdowns. Und einen Covid-Expertenrat, der nicht vorwiegend aus Virologen besteht, sondern auch aus Sozialpsychologen, Kinderärzten usw. (Und nicht hinter verschlossenen Türen brieft, sondern Öffentlichkeit und Parlamente mit einbezieht).

(5) Nachdem ich endlich dieses lange Stück von Nicholson Baker gelesen habe, halte ich die These von einem (unabsichtlichen) Labor-Austritt des Virus in Wuhan (Standort des einzigen BSL-4-Labors in China) mit 60:40 für wahrscheinlich.

Die Welt von morgen, Teil 1

Leslie Hook hat in der FT einen ausgezeichneten Einblick in die Welt von morgen gegeben: Eine Welt, in der die Umstellung auf erneuerbare Energien zum entscheidenden geopolitischen Wettbewerbsfaktor wird, aber in der China gerade bei den notwendigen Rohstoffen bereits die Nase vorn hat (Kobalt, seltene Erden, Polysilikon). Gerade im Zusammenhang mit der Solarbranche wird klar, welche Chancen Deutschland gehabt hätte, hätte man die staatliche Steuerung beibehalten.

Aber zurück zum Thema: Wird eine Energielandschaft, in der nicht mehr um Öl und Gas gekämpft wird, zu einer ruhigeren, eher kooperativen Geopolitik führen? Oder zu einer Realpolitik, in der jede/r auf den eigenen Vorteil aus ist? Diese beiden Szenarien stehen zur Debatte, eine seriöse Antwort lässt sich noch nicht geben – Energiepolitik ist eben nur ein Teil der Geopolitik und die Auswirkungen der Klimakrise werden ganz neue Faktoren ins Spiel bringen. 

Die Welt von morgen, Teil 2

Der Rückgang der Demokratie verläuft grenzübergreifend: So lautet das Fazit dieses Artikels aus der Washington Post. Zitat:

„The Economist Intelligence Unit, the London-based research and analysis group, quantified the decline with a report released Wednesday. The annual survey, which rates the state of democracy across 167 countries based on measures including electoral processes and civil liberties, found that just 8.4 percent of the world lived in a full democracy last year, while more than a third lived under authoritarian rule. The global average score fell to 5.37 out of 10 on the democracy index — the lowest rating since the EIU began the index in 2006.“

Das sind schlechte Entwicklungen. Dennoch herrscht – ich erwähne es häufiger – in vielen publizistischen Köpfen noch die Vorstellung, alle Welt bewege sich auf die Demokratie zu, wenn man sie nur ließe. Das gilt auch für einzelne Figuren, die von uns im Westen zu Heiligen der Demokratie gemacht werden, statt sie im Kontext ihrer Umgebung zu betrachten. Siehe Aung San Suu Kyi. Oder siehe Alexei Nawalny, wie dieser Artikel uns erinnert

Und am Ende noch eine Entwicklung, die wir beachten sollten: Aus dieser Grafik (Quelle Konrad-Adenauer-Stiftung) leite ich ab, dass das größte Potenzial für Gewinne bei mobilisierten Nichtwählern bei der AfD liegt.

 

Parteipolitik

Mit Interesse in den vergangenen Tagen verfolgt: Armin Laschets außenpolitische Vorstellungen unter der Lupe, Carsten Linnemann als mögliche Führungsfigur der CDU-Konservativen, die SPD und ihre kommunikativ anspruchsvolle Positionierung als soziale Fortschrittspartei (was sie in den Siebzigern ja explizit war), die Frage Habeck oder Baerbock. (Alles Paywall-Artikel, glaube ich)

Wenn Sartre nicht hilft

„Social media’s mantra “lol nothing matters” was elevated to religion, the 21st century’s efficient, ironized update to existentialism. Sartre thought action gives authentic meaning to the self, but these days we know — or fear — that doesn’t count for much anyway.“ (How Nothingness Became Everything We Wanted)

Hobsbawm

„In his enthusiasm for the socialist omelet, Hobsbawm has clearly lost little sleep over the millions of broken eggs in unmarked graves from Wroclaw to Vladivostok. As he says, History doesn’t cry over spilled milk.“ (Tony Judt, 2003)

Adam Curtis

…hat eine neue Dokuserie, und FT und New Yorker haben ihn getroffen.

Und sonst?

Coronavirus has robbed me of petty annoyances

Warum Ralf Möller wieder bei seinen Eltern wohnt (€)

Technological stagnation: Why I came around

The Downside to Life in a Supertall Tower: Leaks, Creaks, Breaks

Bildungsonline ($)

Bild: Luke Fildes – The Doctor

3 Gedanken zu „Seltsame Jahre #04“

  1. Die Schlussfolgerung aus der KAS-Grafik verstehe ich gerade nicht – oder ich verstehe die Grafik nicht: Beziehst du dich dabei auf die 50 % am Schnittpunkt Keine – AfD? Die drücken meines Erachtens aus, dass die Hälfte der AfD-Wähler sich nicht vorstellen kann, irgendeine andere Partei zu wählen. Nichtwähler tauchen in der Grafik ja qua Fragestellung („… eine _andere_ Partei_“) gar nicht auf.

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