Seltsame Jahre #05

Vermeer: Der Astronom

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Der Stand der Dinge

Ich hatte es letztes Mal kurz erwähnt: Neben der Infektionswelle erleben wir online eine emotionale Ansteckungswelle. Genauer gesagt: Eine Aufladung der politischen Corona-Debatte mit der Energie des Kulturkampfes und der Überzeugtheit des Moralischen. Zweifel daran, ob man selbst wirklich den Überblick hat, fehlen. 

Ich zähle mich nicht zu den so genannten Online-Rationalisten, die auf Slate Star Codex oder Hackernews abhängen und sich über jeden Zweifel erhaben sehen, die Lage vorurteilsfrei durchzuanalysieren. Im Gegenteil: Gerade weil mir das Detailwissen fehlt, muss ich versuchen, mich an der Frage zu orientieren, nicht an der Antwort, die mir vorschwebt..

Dieses Detailwissen fehlt ja nicht nur mir, weiterhin gilt wie im Herbst: 75 Prozent der Ansteckungen können keiner Situation zugewiesen werden.

Ein Beispiel für die offenen Fragen sind die Ansteckungen in Schulen und Kitas: Jan-Martin Wiarda hat sich die Zahlen angesehen und kommt zu keinem eindeutigen Ergebnis. Die Möglichkeit, dass der steile Anstieg bei Kindern über eine Ansteckung bei Eltern im Lockdown passierte, ist weiterhin nicht unrealistisch (siehe auch „Community-Faktor“).

In Kanada hat Wechselunterricht und Maskenpflicht dazu geführt, dass Schulöffnungen nicht ungewöhnlich viel zum Infektionsgeschehen beigetragen haben (allerdings noch vor den neuen Varianten). Diese Studie aus den Niederlanden kommt zu dem Ergebnis: Nach den Sommerferien hätten Schulschließungen nichts zur Reduzierung der Infektionen beigetragen, im November (Erkältungszeit) hätten sie den R-Wert unter 1 senken können.

Die TU Berlin wiederum stellt verstärkte Aerosol-Übertragung in Klassenzimmern fest, wobei die Vergleichbarkeit der verschiedenen Aerosol-Situationen nicht einfach ist. In Schottland ist von einem „Schul-Faktor“ bei den steigenden Infektionszahlen die Rede, ohne dass dieser genauer beschrieben wird. Und in der Gesamtabschätzung warnen viele Forscher weiterhin vor den psychischen Folgen für Kinder und Jugendliche, sowie vor der weiteren Öffnung der Bildungsschere. 

Jetzt kann sich jede/r raussuchen, was davon er als Argument anführt. So funktionieren Debatten. Aber einfach Links rausknallen, wenn die Botschaft gerade passt, das ist faul. Und folgt dem Muster, das Jonah Goldberg so beschrieben hat:

„In our increasingly secular age, being on the side of science is similar to being on the side of God—a way to settle an argument by not actually making an argument. Just enlist an unassailable authority and move on.“ 

Und entsprechend bewegt sich die Diskussion oft nicht über ein „Ich habe recht, siehe Link“ hinaus. Ähnliches gilt für Long Covid: Auch hier werden Studien angeführt und Zusammenhänge hergestellt, die eher narrativ- als wissenschaftsgetrieben sind.

Der Stand der Dinge, Teil II

Weniger komplex ist die Anordnung der Bund-Länder-Schalten: Wenn schlecht vorbereitete Dinge auf den Tisch kommen, kommt es zu schlechten Entscheidungen. In diesem Fall, obwohl Kanzleramtschef Helge Braun die Osterruhetage sogar schon vorgeplant hatte. Allerdings offenbar ohne ausreichende praktische und juristische Prüfung.

Die Zweifel daran, ob die Ministerialbürokratie ausreichend Überblick und Handlungsweitsicht für die Krise hat, sind angebracht. Wahrscheinlich wäre ich der Einzige, der gerne einen Longread über Ministerien und Behörden in der Coronakrise lesen würde, über ihre Reaktionsfähigkeit in Krisen und die historische Entwicklung von Fach- und Umsetzungswissen in der Bürokratie.

Darüber hinaus scheint mir unter dem Strich kein Weg an Pflichttests vorbeizuführen. Sowohl in der Arbeitswelt, als auch in den Schulen. Das hat juristisch einige Fallstricke, aber ich bezweifle, dass Freiwilligkeit außer beim Einlass zu Events funktioniert.

Aber auch hier wieder: Komplexität. Scheitert die Teststrategie an Schulen an fehlenden Tests oder daran, dass in fast allen Bundesländern Eltern (und Lehrer) Testungen ablehnen können? Sachsen hat die Testpflicht eingeführt, sie hatte vor Gericht Bestand. Durch die Möglichkeit für sächsische Eltern, ihren Kindern die Bescheinigung einer Heimtestung auszustellen, wird das aber wieder aufgeweicht.

Man muss vielleicht noch einmal an die Schnell- und Selbsttest-Logistik erinnern: tl;dr – wer positiv getestet wird, muss einen PCR-Test machen, Kontakte angeben und in Quarantäne. Es ist zwar nicht verantwortungsvoll, aber typisch menschlich, dann einfach zu sagen: Ich lasse mich nicht testen. Und genau dieser Unterschied zwischen Theorie (Schnelltests für die Menschen!) und Praxis (zu wenige Menschen machen es) führt dazu, dass Politik als weltfremd wahrgenommen wird – und da muss ich nicht einmal auf (meiner Ansicht nach) Kopfgeburten wie der Maskenpflicht unter freiem Himmel hinweisen.

Ich fand das im Herbst wichtig, und jetzt auch weiterhin: Evidenzbasierte Politik bedeutet, die Grundlagen für sein Handeln transparent zu machen. Also die Studien, Ratschläge etc., auf der solche Beschlüsse beruhen. Im Idealfall transparent und öffentlich von einem Gremium beraten, das weit über Virologen und Epidemiologen hinaus geht. Das fehlt weiterhin.

Aktuell hat man sich in eine Sackgasse bewegt. Auch durch das Festhalten am reinen Sieben-Tage-Inzidenzwert, der mit steigenden Testzahlen an Aussagekraft verliert, eigentlich angereichert werden müsste. Ihn um andere Faktoren zu ergänzen wäre sinnvoll  (z.B. Lokale Situation der Kontaktverfolgung, Eingrenzbarkeit der Infektionsherde, Verfügbarkeit von Tests etc.). Aber natürlich würde eine „Maßnahmen-Formel“ die Sache verwirrend für die Bevölkerung machen und stünde sofort im Verdacht, auf Lockerungen oder Schließungen „hingerechnet“ worden zu sein. Es scheint also kommunikativ gerade zu spät (oder zu früh), hier Komplexität einzubauen.  Obwohl die Handlungsmöglichkeiten dadurch in der Praxis unterkomplex bleiben.

Zur Komplexität würde auch gehören, die „anderen“ Folgen der Pandemie stärker zu berücksichtigen. Einsamkeit, Existenznöte, Entfremdung vom sozialen Miteinander, psychische Erkrankungen, vermiedene oder verschobene ärztliche Behandlungen. Wir retten eben nicht nur Lebensjahre, sondern opfern sie de facto auch.

Das gegeneinander aufzurechnen wäre problematisch und ließe sich auch nicht wirklich seriös anstellen; aber alleine die Anerkennung der „anderen“ Pandemiefolgen sollte den Blick weiten. Denn genau diese Folgen könnten es sein, die das gesellschaftliche Klima in Deutschland bis Ende dieses Jahrzehnts maßgeblich verändern. Wie genau die Veränderung aussehen wird, das lässt sich freilich noch nicht sagen.

Das Wesen des Wandels

Angesichts technologischer Veränderungen sollten/müssen neun Millionen Menschen in Deutschland bis 2030 umschulen, schrieb McKinsey jüngst. Die Gleichung, die dafür die Grundlage ist, hat selbstredend viele Unbekannte. Aber selbst bei fünf Millionen wäre dieses Land nicht vorbereitet. Ein Grund dafür ist, dass das Thema Nachqualifikation gefühlt zu 99% im betrieblichen Kontext gedacht wurde – wie bei so vielem anderen hat man erst vor kurzem begonnen, Erwachsenenbildung strukturierter anzugehen.

Das Interview mit Dani Rodrik zum „Zu-viele-gut-ausgebildete-Menschen-für-zu-wenige-Jobs-führt-zu-Erstarken-der-Extreme“-Komplex sei in diesem Zusammenhang ebenfalls ans Herz gelegt. Adam Tooze argumentiert hier, dass das Biden-Konjunkturprogramm mit einem Volumen in 1,9 Billionen zumindest auf der rein ökonomischen Seite eine Zeitenwende markiert: Das Bewusstsein, sich nicht so nebenbei und mit ein bisschen staatlicher Gießkanne aus einer Krise herauswachsen zu können, sondern die Sache wirklich wie mit einem Hochdruck-Dampfstrahler anzugehen.

Europa wird sich, das ist zu befürchten, mit weit weniger begnügen und im Kern weiterhin an der Rückkehr zur Austeritätspolitik arbeiten. Dieses Zusammenwirken aus strukturellen Umbrüchen bei gleichzeitiger Stagnation habe ich immer im Hinterkopf, wenn ich an Deutschland (und Europa) im Jahr 2030 denke. Die Szenarien, die sich daraus ergeben würden, sind besorgniserregend. Reckwitz ist mit seiner Forderung nach einer Mischung aus Gestaltungs- und Resilienzpolitik (€) etwas auf der Spur.

Präsidentin Le Pen?

Irgendwann hält der Damm nicht mehr: Nämlich wenn Menschen das Gefühl haben, immer nur gegen etwas zu stimmen, als für etwas. Zweimal mussten die Franzosen die Le-Pen-Familie in der Stichwahl verhindern. Ob es im kommenden Jahr ein drittes Mal sein wird? Frankreich ist müde, die Macron’sche Präsidentschaft hat sich als weitestgehend entkernt herauskristallisiert. 48 Prozent der Franzosen rechnen inzwischen mit Marine Le Pen als nächster Präsidentin. Ich glaube auch, dass es so kommen wird. Es wäre ein Erdbeben für Kontinentaleuropa, dessen historische Zerstörungskraft den Brexit um ein Vielfaches übertreffen würde. 

Das langsame Ende der Übertragung

Wer mir auf Social Media folgt, weiß, dass ich mich inzwischen kaum noch zu Wort melde. Warum, das lässt sich hier regelmäßig nachlesen. Ich merke inzwischen auch, wie ich langsam das Bedürfnis verliere, Dinge unbedingt teilen zu wollen – also Texte, Beiträge, Beobachtungen, die ich interessant finde. Das ist… gesund. Das hat auch Folgen für dieses Blog. Vielleicht schläft es ein, vielleicht wird etwas anderes daraus…ich spüre keinen Druck mehr.

Mir ist bewusst, dass ich für bessere Wahrnehmung in der publizistischen Landschaft eigentlich präsenter sein müsste – mit Meinungen, Spott und likefähigen Dingen aller Art. Und doch weiß ich, dass das weder mir gut tut, noch meiner Integrität. Ich genieße die Wochenenden ohne Social Media und ertappe mich den Rest der Woche dabei, wie ich von dem Moment träume, an dem ich irgendwann nicht mehr von Berufswegen mit Twitter beschäftigen muss. Nicht alles ist schlecht, sicher. Aber es ist so viel kaputt, dass fast niemand unbeschädigt bleibt. 

3 Gedanken zu „Seltsame Jahre #05“

  1. Wäre echt schade, wenn das Blog einschlafen würde. Leute, von denen man mehr auf Social Media und im RSS-Reader lesen möchte, ziehen sich zurück. Menschen wie du .
    Leute, auf deren Inhalte man wirklich gut verzichten könnte, posten dafür leider mehr.
    Aber hey, wer hat behauptet, dass die Welt fair wäre und ein Ponyhof.

  2. Pingback: Die Pandemie III – anmut und demut

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