Nothing to see here

…heißt der Roman von Kevin Wilson, den ich gerade lese. Das passt ganz gut zu dem, was dieses Jahr auf diesem Blog passiert ist, dachte ich mir. Aber auch die Handlung des Romans passt ganz gut: Denn es geht unter anderem um zwei Kinder, die plötzlich Feuer fangen, wenn sie wütend werden. Was digital ungefähr jeden zweiten Tag auf Social Media zu beobachten ist.

Eigentlich ist es langweilig: Eine Gruppe Schauspieler dreht eine Videoserie (#allesdichtmachen), in der sich etwas satirische Wahrheit, einige Übertreibungen, vereinzelt Geschmackloses und viel Mittelmäßigkeit entdecken lässt. Das wird dann wiederum auf Seiten progressiven Twitterati  als Ankündigung von Jan Josef Liefers interpretiert, demnächst mit den Querdenkern den Reichstag stürmen zu wollen. Auf der Gegenseite, die in Teilen eine liberale Attitüde zur Schau stellt, aber ebenfalls das gepflegte Feindbild schätzt, wird daraufhin diese Kritik als Vorbote eines neuen Stalinismus identifiziert. Die argumentative Keule liegt geschmeidig in der Hand, der dümmste Beitrag von hüben ist Spiritus für das Stammes-Lagerfeuer drüben. Oder, um es wie Armin Nassehi etwas akademischer zu formulieren:

„Die einzige Hermeneutik, die mit irgendeiner Ernsthaftigkeit betrieben wird, ist die Hermeneutik des Verdachts.“

Diese Neigung zum Extremen, zur Antiverständigung ist nicht neu, hier zum Beispiel meine Gedanken von 2016. Oder hier über die Frühentwicklung im Jahr 2008. Und es ist kein deutsches Phänomen, sondern ein internationales. „Immerhin“, lässt sich da mit Blick auf die deutsche Geschichte sagen. „Oh-oh, das wird böse enden“ dagegen mit Blick auf die Folgen einer solchen globalen Entwicklung.

Für Andrey Mir ist das mediale Bedienen dieser Emotionen die Zukunft des Journalismus, die er entsprechend „Post-Journalismus“ nennt. Aus diesem lesenswerten Interview:

„In the digital world, the only reality that the news can be checked against is the attitude of many people. Significance is no longer the cause but the product of dissemination. This is an inevitable outcome of the very idea of selling news for profit.

The biggest issue with post-truth is not its divorce from reality but its escape from the monopoly of the authorized institutions. When everyone can produce and deliver news, it creates chaos but also a very competitive environment, in which old media need to compete with the noise and radical character of the news produced by social media. The emancipation of fake news by the internet makes post-journalism more radical. Factoids from the news media are losing the battle with the fake news of social media, which forces post-journalism to undertake more and more desperate attempts to keep control over the agenda.“

Es lässt sich nicht bestreiten, dass wir bereits deutliche Zeichen dieser Entwicklung wahrnehmen können – und dass die (digitale) Polarisierung durch Covid-19 diesen Trend begünstigt. Vielleicht wird Covid-19 in Deutschland diskursiv eine ähnliche Zäsur wie Donald Trump für die USA markieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.