Kleines Lob des Schweizer Medienjournalismus

Die deutsche Medienbranche flunkert gerne. Nein, damit meine ich nicht das Lügenpresse-Gerufe. Die Medienbranche lügt und belügt sich selbst vielmehr über ihren Zustand.

In der Schweiz wird sicher genauso viel Quatsch erzählt. Aber obwohl (oder weil?) man enger vernetzt ist, scheint mir ein deutlich höherer Anteil an Medienjournalismus-Stücken über die Branche ehrlicher, teilweise auch tiefer. Wie zum Beispiel hier Die Republik mit ihrem Longread, warum Journalisten und Journalistinnen der Branche den Rücken kehren. Einziger Kritikpunkt wäre, dass einzige diejenigen zu Wort kommen, die mehr oder weniger freiwillig gegangen sind. Nicht diejenigen, die einfach vor die Tür gesetzt wurden.

Deutschland ist da anders. Nicht alles ist schlecht, aber fast alles ist in der Analyse seicht. Angeblich freiwillige Abschiede werden nicht hinterfragt, Narrative von Erfolg und Misserfolg nicht nachgeprüft bzw. gar nicht auf Zahlen abgeklopft, weil Wissen über Märkte und digitale Ökosysteme nicht angewendet wird oder inexistent ist. Und das Reinhören in Redaktionen scheint mir nicht selten aus zwei, drei Anrufen bei alten Bekannten zu bestehen.

Im Branchenblatt wird wiederum das Stühlerücken auf der Titanic als hoffnungsvolle Personalie vermeldet, längst eingebettet in Spalten voller „XY wechselt in die Unternehmenskommunikation“. Anderswo verkaufen Chefredakteure ihr stagnierendes Produkt als modern und dynamisch, weil sie das ja schon seit unzähligen Jahren erfolgreich tun, ohne Nachfragen fürchten zu müssen; machen den letzten Personalabbau zur „Strategie der Fokussierung“; flöten von Nachwuchsförderung, wenn sie Personalaustausch durch ständige befristete Verträge meinen; verkaufen die Einführung eines neuen Text-Editors als neues CMS.

Und ganz oben auf der Suppe schwimmen jene Branchendienste, die sich in der Regel mit umgeschriebenen Pressemitteilungen begnügen. Ganz oben, wie totes Treibholz, schaukelt jener „zwitschernde“ Branchendienst, der diese Pressemitteilungen mit Clickbait-Überschriften wie „So rührend verabschiedet sich Chefredakteur XY von seiner Redaktion“ zu Content macht [unerwähnt: „nach Schrei-Duell mit der Geschäftsführerin, Mobbing durch die Edelfedern und monatelangen Abfindungsverhandlungen“].

Wie gesagt, es gibt auch ein paar Gegenbeispiele und durchaus gut recherchierte Einblicke, aber es sind zu wenige. Der Medienjournalismus als Branchenjournalismus ist in Deutschland bis auf wenige Ausnahmen (die oft Einzelkämpfer/Einzelkämpferinnen sind) schwach. Wollen wir uns vielleicht deshalb weiter selbst belügen, weil nur in dieser Lüge noch eine halbwegs erträgliche Zukunft existiert?

Und so ziehen wir die Samthandschuhe an, versammeln uns gemeinsam auf dem Deck der Titanic und rufen im Chor: „Da hinten, hinter der Paywall! Land in Sicht!“

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