Steckt die (Pop-)Kultur fest?

Diese Frage stellte vor einiger Zeit Paul Skallas in seinem Newsletter. Die Frage ist nicht neu, sondern wird schon seit mindestens zehn Jahren gestellt. Je nach Nostalgiefaktor wahrscheinlich schon immer. So schreibt Mark Fisher über die zentrale Frage des Films „Children of Men“ (2006):

„how long can a culture persist without the new? What happens if the
young are no longer capable of producing surprises?“

Skallas beantwortet seine Frage für die vergangenen 15 Jahre mit „ja“ und bringt Beispiele – von der Monokultur der Film-Sequels bis zur Mode. Letztere war ja einst durchaus heftigen Veränderungen ausgesetzt.

Seine Theorie: Auf der einen Seite wird Kultur nicht mehr „top-down“ hergestellt, also nicht mehr zentralisiert aufgegriffen und verbreitet; auf der anderen Seite wird eigentlich überhaupt keine Kultur mehr „hergestellt“. Sondern vielmehr Bestehendes algorithmisiert vermischt.

Ich habe eine andere Theorieskizze: (Pop)Kultur ist Content. Ausreichend für den Konsum, aber nicht zur Distinktion oder gar gesellschaftlichen Veränderung. Die Bedeutung, die ein Künstler oder ein Kleidungsstück für eine einzelne Person hat, wird nach außen in der Regel ein „Das konsumiere ich“ sein, nicht mehr ein unironisches „Das bin ich“. Das verändert den Stellenwert der (Pop)Kultur, verhindert womöglich jeden ernstgemeinten Versuch, mehr als ein Konsumobjekt zu sein. Und das hat auch Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung, ob Kultur noch innovativ ist oder nicht.

Mein Eindruck widerspricht einer anderen Entwicklung, die der linke Kritiker Freddie deBoer beschreibt ($): Denn obwohl wir wissen, dass Konsum- und Geschmacksentscheidungen keine Bedeutung haben, sind sie… das Einzige was wir haben!

„I think that, in an era where traditional systems of meaning have been disregarded as artifacts of bigotry or, at least, ironized to the point of meaninglessness, all people feel they have left is their consumer choices. And this is inherently unstable and unfulfilling. You are not the shit you like, and you know it, but nobody knows how else to express their selves without reference to some choice presented to them by the marketplace. 

So we try to cobble together little effigies of what we imagine a complete person looks like, out of whether we like Lululemon or bubble tea, dubstep or Schitt’s Creek, Wayfarers or The New Yorker. People work bullshit jobs that produce nothing of value then come home too tired to engage in hobbies or interests that might define them in other ways. They have no church or temple, no Elks Club or union lodge, no grange or town square. So they consume. Problem is, other people consume too – and their consumption choices imply that ours might not be the right ones.“

(Pop)Kultur bedeutet also alles und zugleich nichts; ein Vergleichsmaßstab zu anderen, von dem wir im Kern wissen, dass er wertlos ist. Content in einer Welt, in der es viel zu viel Content gibt und gleichzeitig nichts anderes. Ein seltsamer Zustand.

(paradox: Meme als Content-Kultur ist sehr lebendig, vielleicht weil sie keine Halbwertszeit vorgaukelt. Wobei Memes inzwischen durchaus nostalgische Zügen irgendwelcher Nullerjahre Clips haben).

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