Afghanistan: Der erste postmoderne Krieg

Adrian Bonenberger war als US-Soldat zweimal in Afghanistan, er hat Kriegsmemoiren verfasst, die für ihre Ehrlichkeit sehr gelobt werden. Jüngst zog er in einem Interview mit Matt Taibi noch einmal Bilanz über den Einsatz.

Bemerkenswert finde ich die Sache mit den Fahrzeugen: Denn die US-Armee merkte relativ schnell, dass die Humvees (ultraschwere gepanzerten Geländefahrzeuge) für das afghanische Terrain völlig ungeeignet waren. So ungeeignet, dass das Foto für den Wikipedia-Eintrag für Humvees das Fahrzeug zeigt, wie es in Afghanistan feststeckt. Außerdem waren sie anfällig für Sprengfallen am Straßenrand und nicht für die Befestigung schwerer Waffen geeignet.

Also nahm das US-Verteidigungsministerium Milliarden Dollar in die Hand und schaffte MRAPS an. Stark gepanzerte Fahrzeuge, gemacht für schwere Waffen und nicht ganz so hilflos im Berg-Terrain. Aber dafür mit 18 Tonnen doppelt so schwer. Zu schwer für viele afghanische Straßen, die unter ihnen kollabierten.

Nach einigen Jahren verkaufte das US-Militär die MRAPS zu Spezialpreisen an die amerikanische Polizei. Die Bilder der militarisierten Polizeikräfte 2014 in Ferguson zeigten genau diese MRAPS. Sie gingen um die Welt und trugen in den USA zur Entstehung von Black Lives Matter bei.

Bonenberger kommt in seinem Memoiren zu dem Fazit: „We aren’t here to defeat the enemy; that’s impossible with our resources. We’re here to occupy them, to distract them from the women wearing blue jeans in Kabul.“

Im Interview spricht er vom ersten postmodernen Krieg:

„There is no explanation for why we’re there. If you ask ten people why we’re in Afghanistan, or why we’re in Iraq, even, you’ll get ten different answers that are equally plausible. That wasn’t the case in Vietnam. You agreed with why we were in Vietnam or disagreed with it, but we were there to stop communism. A blisteringly stupid and failed idea, but our being there was related to communism in one way, shape, or form. You’ll find people who will explain to you that Afghanistan has nothing to do with terrorism, that it’s about minerals, or it’s about China, or it’s the great game, or it’s Bin Laden.“

Der Bundeswehr-Einsatz fand unter anderen Vorzeichen statt; die Deutschen waren zumindest zeitweise stärker in den Wiederaufbau des Landes involviert als die USA. Allerdings, um den Entwicklungshelfer und Afghanistan-Kenner Reinhard Erös zu zitieren:

„Wenn Soldaten dann tagsüber in Kampfhandlungen einlassen und auch den einen oder anderen Zivilisten erschießen, und ich bin dann als ziviler Helfer aus der Sicht der Afghanen mit den Soldaten unter einer Decke – dann wird das übel enden. Deshalb haben die meisten Hilfsorganisationen, auch große, nach ein paar Jahren schon gesagt: ‚Nichts mehr mit der Bundeswehr‘. Also dieses Konzept ZMZ, zivilmilitärische Zusammenarbeit oder vernetzte Sicherheit– hat dann nicht mehr funktioniert.“

Die Frage des „Warum?“ mit dem Abzug nicht beantwortet. Wahrscheinlich auch deshalb nicht, weil bei der Entsendung von Bundeswehr-Soldaten damals kein strategisches Ziel im Zentrum stand, sondern ein politisches Zeichen der Solidarität zu den USA. Ähnliches gilt übrigens auch für den Einsatz in Mali.

Linktipp: Ich kann weiterhin Marc Thörners Deutschlandfunk-Featureserie zum Afghanistan-Einsatz wärmstens empfehlen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.