Labore und Narrative

Ich hatte hier im Februar geschrieben, dass ich nach der Lektüre des ausführlichen NYMag-Artikels von Nicholson Baker die These von einem (unabsichtlichen) Labor-Austritt des Virus in Wuhan mit 60:40 für wahrscheinlich halte. Inzwischen wird diese These auch sehr breit in den Medien diskutiert.

Ich selbst bin mir weiterhin nicht sicher. Wie könnte ich es sein? Aber Zeynep Tufekci legt dieser Tage den Finger in eine andere Wunde und fragt: Warum wurde die Möglichkeit eines Labor-Austritts vergangenes Jahr nicht nur nicht diskutiert, sondern sogar als Verschwörungstheorie abgetan? Immerhin steht in Wuhan eines von drei Laboren weltweit, die mit solchen Viren im Kontext biologischer Verfahrenstechnik hantieren.

Eine einfache Antwort ist: Weil es dafür kaum journalistische Expertise und auch keinen direkten Zugang vor Ort gab. Und man sich deshalb mit dem abfand, was als (damals als wasserdicht geltende) Einschätzung auf dem Markt war. Die kompliziertere Antwort hat mit Narrativen und Sorgfalt zu tun. Je weniger Sorgfalt, desto größer das Vertrauen in Narrative. Ein Beispiel ist die „gefährlichere“ Delta-Variante, von der derzeit viel die Rede ist. Inwiefern „gefährlicher“? Ansteckender? Mehr schwere Verläufe? Mehr Todesfälle? Mehr Immun-Durchbrüche? Das alles sind unterschiedliche Dinge, und teilweise gibt es widersprüchliche Daten (z.B. Preprint-Studie aus Schottland zu Verläufen vs. Zahlen aus britischen Krankenhäusern). Hier im Atlantic wurde das im Gesamtkontext gut aufgearbeitet:

„But those patterns haven’t yet been conclusively nailed down, [Yale-Evolutionsbiologe und Virologe Paul] Turner said, and no evidence so far suggests that the coronavirus is systematically evolving to become more malicious. Viruses are microscopic entities hungry for spread, not carnage; the suffering of their host is not an imperative for them to persist. If a surge in virulence happens, it’s often incidental—collateral damage from an increase in contagiousness.“

Solche Stücke/Texte gab und gibt es, im deutschsprachigen Raum oder auch international. Aber ich befürchte, sie verblassen hinter den stets intensiv warnenden Aufmachern, den flüchtigen Fakten-Proklamationen, dem üppigen medialen Raum für Maximal-Prophezeiungen. Wohingegen ich nicht widersprechen könnte, wenn jemand beanstandet, dass der Frage nach den Fehlern in den Inzidenz-Modellierungen im Vergleich zur Verbreitung jener Modelle deutlich weniger nachgegangen wurde.

Das alles klingt verallgemeinernd, obwohl es wie gesagt auch viele Ausnahmen aufzuzählen gäbe. Aber ich bin mir eben nicht sicher, ob der hinterlassene Gesamteindruck da draußen besonders positiv ist. Denn wenn jemand letztes Jahr gelesen hat, warum die Labor-Theorie völlig unrealistisch ist – oder warum irre Typen wie Stephen Bannon mit solchen Verschwörungstheorien ihre antichinesische Agenda verfolgen… dann fühlt sich diese Person wahrscheinlich ziemlich verarscht. Oder zumindest verunsichert. Und Glaubwürdigkeit ist ein zerbrechliches Ding, Freunde.

Die Rolle von Narrativen hat meiner Meinung nach nicht nur mit den beschriebenen Faktoren oder der unsicheren wissenschaftlichen Lage, sondern auch mit Twitter zu tun. Dort gibt es exzellente Quellen rund um das Infektionsgeschehen, aber die sollte man sich mit wachem Blick aussuchen und bewerten. Ob privat oder als Journalist. Denn längst ist Covid-19 Teil des Kulturkampfs, sind Fragen der Lage-Bewertung für viele Twitterati eng mit Sympathiefragen verknüpft (wer mag, kann sich als Beispiel die Kommentare unter den #Lauterbach/#Streeck-Hashtags zu Maybrit Illner gestern angucken). Es ist wie in der Schule. Aber nicht wie im Unterricht oder an den Projekttagen, sondern wie auf dem Pausenhof und an der Bushaltestelle. Und dahin will doch niemand zurück.

Oder?

Oder???

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