Infomüll in der Pandemie

„J.&J. Vaccine May Be Less Effective Against Delta, Study Suggests“, schreibt die New York Times. J&J, das ist Johnson & Johnson.

Der von mir sehr geschätzte David Auerbach hat sich die Mühe gemacht, die zugehörige Studie zu lesen. Resultat:

1. Es ist ein Preprint
2. Die Studie bestand aus 29 Teilnehmern/Teilnehmerinnen.
3. 10 davon waren mit Johnson & Johnson geimpft.
4. Über diese 10 sind keine weiteren Informationen bekannt (Alter, Veranlagung etc.)
5. Die Studie widerspricht eigentlich allen anderen gängigen Studien.
(6. „Weniger effektiv“ heißt nicht „wirkungslos“, klingt aber so)

Ich liste das auf, weil es mich ärgert, diesen Infomüll in eigentlich seriösen Medien zu lesen. Ich hatte in diesem Frühjahr selber Corona (danke, es geht mir gut) und bin seinerzeit auf der Suche nach seriösen Informationen fast verzweifelt.

Ob es um die Krankheitsverläufe bei der britischen Mutante ging, die Intensivstationen mit angeblich lauter 30- bis 50-Jährigen oder Theorien über die Volkskrankheit Long-Covid: Eine Menge Dinge waren bei genauerer Nachforschung zumindest uneindeutig, nicht überprüft oder einfach Quatsch.

Als Erkrankter in diesem über Social Media propagierten Infomüll rumzusuchen, war wirklich desillusionierend. Und immer, wenn nicht nur Social Media, sondern ein seriöses Medium Narrative statt Fakten auftischte, empfand ich das besonders schmerzhaft (und ärgerlich).

Für Betroffene sind Aussagen über Covid-19 keine argumentative Waffe für oder gegen politisch entschiedenen Maßnahmen, sondern etwas, das Orientierung geben, aber auch ziemlich destabilisierend wirken kann. Und die späteren Angststörungen mancher Genesener (die ja teilweise auch als „Long Covid“ klassifiziert werden) kann ich absolut nachvollziehen; und ich befürchte, sie haben mit diesem überdrehten Covid-Diskurs zu tun, den wir erlebt haben (ich bin gespannt, ob es dazu mal Studien gibt).

David Auerbach schreibt in seinem Thread auch davon, dass der menschliche Verstand mehr Gewissheiten braucht, als eine Gesellschaft bieten kann. Und dass der vernetzte Austausch von Hochgeschwindigkeitsinformationen natürlich der Abwägung keine Chance lässt (und nein, er ist kein Technologieskeptiker).

Ich bin selbst etwas ratlos, wie wir diese epistemische Krise bewältigen können; Verantwortungsbewusstsein ist sicher ein Schlüssel, aber der Kontext des obigen NYT-Artikels zeigt, warum es Zweifel am Verantwortungsbewusstsein selbst bei als seriös geltenden Medien gibt („die Medien“ sollte man ja nie generalisieren).

Vertrauen ist ein flüchtig Ding; wenn Menschen nur noch sich selbst, ihrem Umfeld und jenen Menschen Verantwortungsbewusstsein zuschreiben, mit denen es irgendwie weltanschaulich „Klick“ macht, haben wir ein Problem. Das kann keine Gesellschaft lange aushalten.

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