Wahrnehmungen

2006 veröffentlichten Los Lobos ihr Album „The Town And The City“. Der Song „The Valley“ wurde durch die Verwendung in einer der letzten Sopranos-Folgen einem größeren Publikum bekannt (siehe Video). Der Text bezieht sich auf die ersten (Ureinwohner-)Siedler in den Tälern des amerikanischen Kontinents, den Beginn der Sesshaftigkeit und den Anbruch einer Zivilisation, die sich entlang weniger Natur-Konstanten orientiert. Eigentlich besteht der Song vor allem aus diesen Zeilen:

„Here in the valley, bread on the table
Work through the day, for as long as we are able
Green is the valley, blue is the night
Out of the darkness, into the light.“

Vor ein paar Tagen veröffentlichten Los Lobos ein neues Album, auf dem sich der Song „The World Is A Ghetto“ befindet – die Cover-Version eines War-Klassikers aus dem Jahr 1972. Die Stimmung ist eine andere:

Auch hier steht beinahe hypnotisch wiederholt ein Refrain im Zentrum:

„Don’t you know that it’s true
That for me and for you
The world is a ghetto“

Eine Catchline, die mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Denn natürlich scheint dieser Song auf die komplizierte, teilweise düstere Gegenwart zu passen, und im Kontext der Klimakrise auch unsere Zukunft vorwegzunehmen.

Vielleicht ist das aber auch einfach subjektiv: Nach dem 11. September 2001 fragte ich mich, damals noch viel jünger, wann mir das Weltgeschehen unbeschwerter, als „beste aller Zeiten“ vorgekommen war. Die mittleren bis späten Neunziger, dachte ich, aber damals gab es die Balkan-Kriege. Und in den Achtzigern war Kalter Krieg (und ich noch zu klein). So ließe sich das bis in die Gegenwart fortspinnen, denn die Zeit nach 9/11 scheint uns heute mit ihren Konflikten vergleichsweise überschaubar. Ich weiß nicht, ob das Jahr 2021 mal harmlos wirken wird, aber womöglich wird es sich für manche zumindest so anfühlen. Je nachdem, was kommt.

Interessanterweise wird dieser von mir skizzierte Pessimismus in einer Studie aus diesem Jahr gespiegelt: Eine computergenerierte Textanalyse Millionen veröffentlichter Bücher zeigt, dass kognitive Verzerrungen speziell seit 2007 zugenommen haben. Kognitive Verzerrungen, das sind Fehlwahrnehmungen bzw. Denkmuster, die psychopathologische Stadien wie Depression oder Angstzustände verstärken oder einleiten. Die Zunahme in der deutschen (Buch-)Sprache ist so deutlich wie auch in den anderen untersuchten Sprachen; und stärker als während der Wirtschaftsdepression und während des zweiten Weltkriegs.

Die Frage, die sich daraus ableitet: Haben wir begonnen, uns als Gesellschaft in eine kollektive Depression und Angststörung hineinzusteigern? Vielleicht ist das auch eine selbsterfüllende Prophezeiung. Womöglich hängen die Zahlen seit 2007 ja irgendwie mit Googles Buchdigitalisierung zusammen, wie mancherorts vermutet wird, dann besitzen sie keine valide Aussagekraft (die Forscher sagen, es gab keine nennenswerten Änderungen am Corpus).

Dennoch: Von der Popkultur zum politischen Diskurs scheint sich etwas zu verändern. Im Moment ist es nur ein Eindruck, aber ich glaube nicht, dass ich nicht alleine damit bin.

2 Gedanken zu „Wahrnehmungen“

  1. Ich erlebe Deutschland als Ort der Sorge, der Angst vor Veränderung, des Verlustes von Wagemut. Es wird genüsslich darüber schwadroniert, warum etwas nicht geht, statt eine Chance zu riskieren.

    Es ist die Angst vorm Ausgelachtwerden, weil etwas nicht auf Anhieb perfekt ist. Garniert mit einer miserablen Fehlerkultur ist das der größte Hemmschuh unserer Entwicklung. Und ja, ich würde wagen, das für den gesamten „Westen“ zu attestieren.

  2. @Libralop: Diese Wahrnehmung teile ich. Ich muss mal überlegen, wie genau der Zusammenhang aussieht – Veränderungsangst auf der einen Seite und wirklich das Gefühl einer zivilisatorischen Depression angesichts des Eindrucks, das alles irgendwie chaotischer, problematischer wird.

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