Entitlement

Eine Bekannte von mir aus Südamerika, die bei Google/Alphabet arbeitete, erzählte mir einmal: „Ich habe immer davon geträumt, in Europa zu leben. Die Werte, die Gewaltenteilung, der Fortschritt. Aber als ich dann nach Dublin [in die Google-Europazentrale] kam, habe ich erlebt, wie ‚entitled‘ sich die Leute dort fühlten. Das war eine unglaubliche Enttäuschung.“

Das Wort „Entitlement“ lässt sich schwer übersetzen. „Anspruchsberechtigt“ ist vielleicht der formale Begriff, beschreiben könnte man es am besten mit „glauben, dass einem alles zusteht“.

Im Moment ist das zu erleben: Viele Impfskeptiker glauben, sie sind der Allgemeinheit nicht verpflichtet. Zahlreiche sendungsbewusste Geimpfte wiederum wissen ganz genau, welche Gruppe unter den Ungeimpften besonders schuld ist. Und stellen sich selbst ein Zeugnis hoher Moral aus. Um im nächsten Moment jegliche Güterabwägung außer Kraft zu setzen, wenn sie sich jetzt als 30+x-Jährige Jährige boostern lassen, obwohl ihr Risiko einer ernsthaften Erkrankung weiterhin – im Vergleich zu Über-60-Jährigen – tolerabel wäre. So wie wir als Deutsche insgesamt natürlich schon lange nicht mehr das Interesse aufbringen, über den Tellerand in die Entwicklungs- und Schwellenländer zu blicken, wo Impfstoff dringender als hier nötig wäre. Und wo angesichts der fehlenden Flächen-Immunität sicher bald die nächste Variante auftauchen wird, vor der wir dann händeringend stehen werden.

Ich rede übrigens von jenem Deutschland, das vor einigen Wochen 140 Nobelpreisträger und ehemalige Staatschefs in einem offenen Brief eindringlich dazu aufforderten, endlich den zähen Widerstand gegen die Patentfreigabe der Covid-Impfstoffe aufzugeben.

Das alles hat dürfte meine Bekannte wohl mit „Entitlement“ gemeint haben.

2 Gedanken zu „Entitlement“

  1. Wer sich in Deutschland als Thirtysomething boostern lässt, verhindert allerdings keine einzige Impfung in Afrika, weil der deutsche Staat ja nie vorhatte, diese Impfdosen wieder zu exportieren. Dafür vermindert diese Person aber immerhin die Übertragung für die Allgemeinheit in Deutschland. „Entitlement“ kann ich dahinter nur mit viel Phantasie erkennen.

  2. @Paul: Prinzipiell ein valides Argument, zumindest, wenn es um die ethische Verantwortung des Einzelnen geht (ein Teil des Entitlements bezog sich aber auch auf Booster U60 vs. Booster Ü60). Allerdings ist das mit dem Export etwas komplexer: Der Staat will noch 25 Millionen Impfdosen bis Ende des Jahres exportieren bzw. verschenken, um seine Covax-Verpflichtungen zu erfüllen. Deshalb ja der ganze Terz rund um „Biontech beschränken und Moderna (das keine Exportfreigabe erteilt hat, wo der Impfstoff allerdings Q1/2022 abläuft) verimpfen“. Und insgesamt sind wir weiterhin, und diese Kritik kommt von der WTO wie von Medizinethikern, bei einer Impfstoffquote von 100 auf 100 in den Industrienationen und (Stand August, jetzt wahrscheinlich etwas höher, aber weiterhin einstellig) 1,5 auf 100 in den Entwicklungs- und Schwellenländern.

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