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Zeitenwenden

Es war hier ruhig in den vergangenen Tagen. Die Kanäle sind ohnehin voll mit Berichten, Analysen, Äußerungen und Emotionen zum Ukraine-Krieg. Da muss ich nicht noch Bandbreite verbrauchen.

Ich habe mir beruflich Distanz zum Weltgeschehen angewöhnt. Das birgt natürlich auch Gefahren: Externe Distanz kann auch zu innerer Verhärmung führen, im Zweifel zu Zynismus. Distanz und gleichzeitig Empathie und aktives Handeln, wo nötig: Das ist der Grat, auf dem ich mich zu bewegen versuche. Und man muss nicht immer sein Entsetzen artikulieren, es genügt völlig, etwas zu fühlen.

Eine Analyse der Lage findet sich bei Lawrence Freedman, dessen Wälzer „Strategy“ ich sehr empfehlen kann, auch wenn ich immer nur kapitelweise reingucke. Die Cyber- und Informationskomponente hat die Technology Review gut beschrieben. Und über die geopolitische Ordnung, die sich abzeichnet, der Economist.

Alles andere? Es wird noch richtig schlimm, und es wird umso schlimmer erscheinen, weil die Ukraine gerade über die sozialmedialen Kanäle den Eindruck einer Siegeschance vermittelt. Den Kampf um die Narrativ-Hoheit hat man bereits gewonnen und es ließe sich viel über die Medienmechanismen sagen, die hier ausgenutzt werden.

Sehr wahrscheinlich wird der Ukraine-Krieg später einmal als der Anfang vom Ende der Ära Wladimir Putin in den Geschichtsbüchern stehen. Aber ob dieses Ende ein Jahr oder sieben Jahre auf sich warten lässt, macht einen großen Unterschied. Genau wie die Frage, welche Ukraine dann existiert und was danach kommt.

Neben der fragwürdigen Kaufmannsprioritäten in der Geopolitik lassen sich für Deutschland zwei Fehler feststellen: Die Abschaffung der Wehrpflicht, auch wenn die natürlich zahlen- und verfassungsmäßig kaum vermeidbar war. Und der vorgezogene Ausstieg aus der Atomenergie. Die Wehr- oder Dienstpflicht hätte ich damals tatsächlich wegen der Vermischung der Milieus gerne behalten. Aber in beiden Fällen gib es kein Zurück, denke ich.

Ich hoffe, dass die russische Invasion nicht die Rückkehr einer globalen Paläo-Militärpolitik zur Folge hat. Das Scholz’sche Prinzip, dass es kein Problem gibt, das sich nicht mit Geld zuschütten lässt, klammert strategische Fragen zur Rolle Deutschlands und der Bundeswehr ebenso aus wie praktische Probleme rund um die Zustände im Beschaffungswesen (aber die Leute im Bundeswehr-Reddit wissen da mehr zu erzählen). Immerhin Letzteres soll ja angegangen werden.

Nein, ich habe nicht mit diesem Einmarsch gerechnet. Und ich hoffe, dass ich zu den Menschen gehören werde, die, wenn sie einmal mit etwas gerechnet haben, es nicht so besserwisserisch in die Sozialmedien schreiben wie manche Twitterati. Und ich hoffe, dass die Dinge besser werden, als es sich jetzt erwarten lässt. Besonders für die Menschen, die direkt oder indirekt von den Kampfhandlungen betroffen sind. Mehr gibt es nicht im Moment nicht, das sich in Worte zu fassen lohnen würde.

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Ein Gedanke zu „Zeitenwenden“

  1. Ich denke, es handelt sich beim beschriebenen nicht um ein originär Scholzsches Prinzip, sondern die allgemeine politische Einstellung der Bundesrepublik seit der Wiedervereinigung. Das mag viele Ursachen haben – wirtschaftliche Kalkulation, politischer Opportunismus, Pazifismus als Pose statt Haltung usf – doch hoffentlich bald ein Ende.

    Ansonsten unterschreibe ich alles andere.

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