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Seltsame Jahre #07

DIE ÄHRENLESERINNEN JEAN-FRANÇOIS MILLET, 1857

Mein Blog ist mein Notizblock. (Nicht mehr als Newsletter erhältlich, aber immer mal wieder weitergeführt)

Der Stand der Dinge

Dieser Tage führt der medial vermittelte Krieg langsam, aber unaufhaltsam zu einer gewissen Abstumpfung. Der Horror des Kriegsalltags ist zum Dauerrauschen geworden, aus dem nur noch besonderer Horror aufschreckt. Wer sich nicht über Social Media direkt die Bilder von Ermordeten ansieht oder die Berichte von Human Rights Watch liest, wird strategische und diplomatische Bewegungen für greifbarer halten als das Geschehen vor Ort.

Diese Feststellung gilt natürlich nicht für die Betroffenen. „Wenn Wasser Feuer gefangen hat, wie löscht man dann?“ Diese abchasische Redeweise über den Krieg hat die belarussischen Chronistin Swetlana Alexijewitsch aufgeschriebene,  Christopher Hobson hat sie in einige eigene Reflexionen eingebettet. Und er zitiert auch aus einem Gespräch Alexijewitschs mit einem Militärberater aus dem sowjetisch-afghanischen Krieg (ich übersetze):

„Welche Farbe hat ein Schrei? Wie schmeckt er? Und welche Farbe hat Blut? In einem Krankenhaus ist es rot. Auf trockenem Sand ist es grau. Auf einem Stein am Abend ist es strahlend blau, ohne Leben mehr. Das Blut fließt rasch aus einem schwer verwundeten Körper, als wäre er ein zersplittertes Einmachglas… und der Mensch verfällt… er verfällt hinweg. Nur die Augen schimmern bis zum Ende, und sie blicken an dir vorbei. Sie blicken stur an dir vorbei, auf etwas anderes.“

Das ist Krieg, und wir reden nicht nur von Soldaten.

Der hier häufiger erwähnte L.M. Sacasas verweist in einem anderen Zusammenhang auf Simone Weils Essay „Die Ilias oder das Poem der Gewalt“, das aus den Jahren 1940/41 stammt und entsprechend unter dem Eindruck des Krieges verfasst wurde. Die Hauptfigur der Ilias, so argumentiert sie, sei die Gewalt.

„Die Gewalt macht jeden, der sie erleidet, zum Ding. Wird sie bis zur letzten Konsequenz ausgeübt, macht sie den Menschen zum Ding im wortwörtlichsten Sinne, sie macht ihn zum Leichnam. Da war jemand, und mit einem Mal ist da niemand.“

Ich hatte das Zitat vorher ausgesucht, aber angesichts der Bilder aus Butscha ist ihm nichts hinzuzufügen. Es wird mir auch länger im Gedächtnis bleiben als all die kurzfristigen Analysen jener Experten, die ein Kriegsgebiet mit einem Schachbrett verwechseln.

Der Drohnenkrieg

Noah Smith schreibt in seinem Substack über die Veränderung des Krieges durch neue Technologien. Er ist nicht der Erste, der auf die hohe Relevanz hinweist, die Drohnenangriffe inzwischen haben – im Fall der Ukraine die Nutzung des türkischen Bayraktar TB2. Drohnen könnten das Ende des konventionellen Panzerkriegs und eine Modifizierung der klassischen Artillerie an sich bedeuten, weil sie schwer zu verteidigen sind und vor allem in der Nacht sehr effektiv Stellungen und Gerät angreifen können. (Wer sich für solche Details interessiert, findet hier mehr).

Die Nutzung bewaffneter oder selbst als Waffe fungierender Drohnen etabliert sich, sodass es inzwischen naiv erscheint, sollte die Bundeswehr keine Kampfdrohnen kaufen. Und doch ist das Ganze eine Niederlage für uns als Zivilisation: Fast zwei Jahrzehnte Diskussion haben nicht einmal eine Konvention über das Wesen ihres Einsatzes zustande gebracht. Mancher erinnert sich vielleicht noch an die Anfänge des amerikanischen Drohnenkriegs, als es den Vorschlag gab, dass Drohnen in ihren Angriffen auf Waffen statt auf Menschen zielen sollten. Das klingt wie aus einer anderen Welt, aber wäre – jenseits der Frage der praktischen Umsetzbarkeit – in einer aufgeklärten Zivilisation möglich gewesen.

2020 hatte ich zu Drohnen-Einsätzen im Kontext des aserbaidschanisch-armenischen Krieges geschrieben:

„De facto aber schafft der globale Einsatz in einzelnen Konflikten bereits Tatsachen, das Gleichgewicht des Schreckens bedeutet hier Aufrüstung statt gegenseitige Abschreckung. Und damit steigt natürlich das Risiko bewaffneter Konflikte, da – siehe der Drohnen-Abschuss nahe der armenischen Hauptstadt Jerewan – Distanzen eine kleinere Rolle spielen, Verluste eigener Soldaten gar keine Rolle mehr. Und das Ganze ist im Falle der Kamikaze-Drohnen deutlich billiger als Raketen, nehme ich an.“

So deutet der Drohnenkrieg als Zwischenphase, was die Welt im „autonomous Warfare“ erleben wird: Weil wir es verpassen, zivilisatorische Vernunft zu Normen zu machen, wird die technische Optimierung beim Töten im Kriegs- (und Antiterror-)Kontext so weit vorangetrieben, dass wir die Folgen erst nach einer XXL-Tötungsereignis begreifen werden. Und anders als z.B. bei Chemiewaffen im 20. Jahrhundert bin ich mir im Moment nicht sicher, dass die Weltgemeinschaft bereit wäre, solche Waffensysteme zu ächten und zu sanktionieren.

Brotmangel

Die Ernte-Ausfälle in der Ukraine werden, so viel ist anzunehmen, neben humanitären auch politische Folgen haben. Ich fand in den vergangenen Jahren immer wieder bemerkenswert, wie stark politischer Aufruhr mit Benzin- und vor allem Brotpreisen zusammenhängen (Letzteres: siehe arabischer Frühling). Ägypten, das 80 Prozent seines Getreides importiert, hat bereits wenige Tage nach Kriegsbeginn die Brotpreise gedeckelt und ist damit sicherlich nicht alleine. Und wie bei der Ernährungskrise 2007/2008 wird die Entscheidung aus den Neunzigern, die Lebensmittel-Märkte zur Grundlage von Finanzprodukten zu machen, seinen Teil zur Eskalation der Preisspirale beitragen.

Angela Merkel

Ich liege oft genug falsch, dieses Blog ist ja voll von revidierten Einschätzungen. Worüber ich mir allerdings nie Illusionen gemacht habe, sind die politischen Implikationen der Merkel-Jahre, die ja nun gerade in Rekordzeit begutachtet werden und die Kanzlerinnen-Nostalgie deutlich dämpfen. Ich denke, meine Einschätzung aus 2017 steht stellvertretend dafür (und war auch echt kein Geheimwissen):

„Die Diagnose, dass der Westen reaktiv geworden ist, ist dagegen deutlich nachvollziehbar. (…) Auch Deutschland vermittelt – siehe Infrastruktur-Schäden – das Bild einer Gesellschaft, in der jene “ferne Zukunft” angekommen ist, in die man die Lösung von Problemen verschoben hat. In Sachen Digitalisierung jenseits der Industrie, in der Klima- und Umwelt-Politik, im Komplex Bildungszugang und rund um die „Deutschland AG“ werden bald ähnliche Risse sichtbar, weil das „morgen“ plötzlich „jetzt“ ist.

Thomas Heaney hat die Merkel-Strategie vor der Wahl so beschrieben: „Ihr Trick ist es, die Kernprobleme ihres Landes zu vermeiden, während sie die Symptome geschickter behandelt als alle konservativen Politiker vor ihr.“

Der Unterschied zu Scholz scheint mir: Scholz glaubt offenbar, einfach nur genügend Geld auf die Probleme kippen zu müssen.

Friedrich Merz

Bin ich eigentlich der Einzige, der die Merz’sche Oppositionsstrategie für die Union (eigener Antrag zur Imfpfplicht, kein Mehrheitsbeschaffer für die GG-Änderung zur Bundeswehr-Aufrüstung) für erfrischend konsequent hält? Im parlamentarischen Sinne ist sie das nämlich. Was passiert, wenn wir 2009-2013 die größte Oppositionspartei (damals die SPD) in wichtigen Fragen (vor allem der Eurokrise) als Reserve-Mehrheitsbeschaffer dasteht, haben wir erlebt. Nein, die Opposition hat eben nicht die Aufgabe, ständig den Konsens mit der Regierung zu suchen.

Ob das bei der Wählerschaft, die Konsens besonders schätzt, verfängt, steht auf einem anderen Blatt. Aber da ist Merz eher von Herrn Wüst und dem Wahlergebnis in NRW abhängig als von seiner bundespolitischen Parlamentsstrategie.C

Mobile ohne Gedächtnis 

China hat – wie die meisten asiatischen und auch afrikanischen Länder – die Ära des Desktops übersprungen und ist sofort Teil des mobilen Internets geworden. Yiqin Fu betrachtet es aus dieser Perspektive: Ohne das stationäre Web gibt es entsprechend auch keine Blog-Infrastruktur, also keinen „langfristigen“ User Generated Content. Und auch keine Möglichkeit, die Vergangenheit wiederzufinden – mangels entsprechender Suchmaschinen-Indexierung, aber auch wegen der Walled-Garden-Architektur der Super-Apps. Die Folge:

„The system’s disincentives for knowledge creation cannot be overstated: If your writing „disappears“ after a day, why invest the time to write at all? Stated a different way: if you know your words are only read within the first few hours of publication, what kind of words are you incentivized to put down?“

Allerdings ist es auch im Westen so, dass das Bloggen nicht mehr lohnt. Oder überhaupt der Versuch, irgendwie über Keywords bei Google nach oben zu kommen, de facto sind die ersten beiden Suchseiten blockiert, und zwar oft mit einer Mischung aus „neuem Content“ und SEO-Müll. Und auch Twitter bewertet bekanntlich Tweets mit Links schlechter als Tweets, die keine Links, aber Bilder haben. In gewisser Weise treten also auch wir im Westen in einen Status des Gedächtnisverlusts ein, in dem Kontext immer unwichtiger wird.

Bild: Jean-Francois Milet – die Ährenleserinnen (1857)

4 Gedanken zu „Seltsame Jahre #07“

  1. Erstmal zu Scholz.

    > Scholz glaubt offenbar, einfach nur genügend Geld auf die Probleme kippen zu müssen.

    Was man so als Finanzminister lernt …

    Dann zum stationären Internet: Oh. Das ist eine spannende Einsicht, die ich ziemlich weit plausibel finde, aber in der Konsequenz nur zu teilen richtig. Blogs sind ja noch da und ich würde sogar sagen in gewisser Form halbwegs stabil. Auf niedrigem Niveau, aber eben stabil. Und den Grund dafür vermute ich hier: Es spiegelen sich in der Produktion und im Konsum digitaler Medien die Strukturen der Gesellschaft. Bloggen tun jetzt weitestgehend diejenigen Schichten, Klassen, Millieus, Archetypen, die vor dem Internet auch schon textaffin und mit mit Sendungsbewusstsein ausgestattet waren: Bildungsbürger, Akademiker, Gestalter, Kopf- und Wissensarbeiter und … Subkulturen (Stichwort „Fanzine“).

  2. @Ben: Ich würde weiterhin behaupten, dass die Hürden (Hosting, WordPress etc.) eine wichtige Rolle spielen. Das widerspricht allerdings nicht unbedingt dem, was Du schreibst.

  3. Pingback: Death to Bullshit – anmut und demut

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