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Come As You Are

BeReal App

Instagram, Twitter, TikTok: So sieht wahrscheinlich das reguläre Social-Media-Menü aus, wenn man am Puls des Zeitgeistes sein möchte.

Für mich persönlich gilt das nicht (mehr). Über mein Verhältnis zu Twitter muss ich nicht viel sagen: Ich persönlich habe mich entschieden, meine Aktivität weitestgehend einzustellen, wohl wissend, dass damit auch die beruflichen Folgekosten mangelnder Sichtbarkeit (speziell im Berliner Politikbetrieb) einher gehen. Mich stimmt allerdings optimistisch, dass „Journalismus-Twitter“ immer problematischer gesehen wird.

Instagram wiederum erweckt auf mich den – natürlich völlig subjektiven – Eindruck, trotz neuer Formate weitestgehend formelhaften Content hervorzubringen. Und TikTok ist mit Sicherheit der neue globale popkulturelle Treiber, verengt aber die Idee der „Kreativität“ in meinen Augen auf Inszenierung und Pointen. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich oft keinen echten Bezug zum Content dort.

Social Media heißt für mich im Moment, regelmäßig drei Apps aufzumachen: Discord, Reddit und BeReal. Wenn ich überlege, was alle drei gemeinsam haben, dann ist es eine gewisse Abwesenheit von Status. Natürlich hat Reddit Karmapunkte, aber die Profile sind keine Identitäten verknüpft (im Sinne von „ich weiß, welcher Mensch dahintersteckt“). Discord und Reddit sind außerdem weitestgehend Textmedien, die auf spezielle Nischen zugeschnitten sind, was Diskussionsverläufe dort tatsächlich interessant macht. Ich habe auch das Gefühl, dass man den fieseren Diskurs-Ecken dort relativ leicht ausweichen kann.

Das relativ neue BeReal wiederum dürfte, wenn ich mir die Uploads im Stream so ansehe, bald auch in Deutschland auf dem Radar erscheinen (im Moment kommt das meiste aus Europa aus Frankreich, UK und Dänemark). Die Funktionsweise kurz beschrieben: Einmal am Tag erhält man die Mitteilung, innerhalb von zwei Minuten ein Foto zu posten – Vorder- und Rückkamera. Es gibt also idealerweise keine Zeit für Inszenierung, sondern nur für einen Schnappschuss.

Wer etwas postet, bekommt Zugang zum Foto-Stream, der genau solche Alltags-Schnappschüsse von Freunden oder Menschen aus aller Welt zeigt*. (Meist junge) Leute sitzen vor dem Computer oder in ihrem Zimmer oder in der Uni oder im Auto oder stehen mit ihren Freunden rum, und das von Teheran bis Wyoming. Diese Alltagsfotos sind nicht besonders aussagekräftig, aber wirken nach Jahren von Instagram Inszenierungs-Ästhetik einfach… wie das echte Leben. Und weil es lange Zeit Mode war, die Tatsache zu verstecken, dass dieses Leben aus Alltag besteht, ist es einfach sehr, sehr angenehm, sich durchzuscrollen.

Ich kann natürlich aus meinen persönlichen Gewohnheiten nichts ableiten. Aber ich würde mich freuen, wenn sich der Zeitgeist zumindest in Teilen weg von einer Kultur entwickeln würde, die im Kern auf völlig überoptimierte Social-Media-Mechaniken beruht.

*Ein Problem dabei: Wer seine Ortungsdienste aktiviert, dessen Standort wird auf einer Karte bis auf die Adresse genau angezeigt. Das hatte ich zunächst gar nicht mitbekommen, weil ich meinen Standort eigentlich nur freigebe, wenn ich aktiv Maps benutze. Ist natürlich in Sachen Datenschutz ein No-go. 

9 Gedanken zu „Come As You Are“

  1. Glückwunsch, lieber Johannes zur selbst verordneten Twitter Abstinenz! Es ist, was es ist, eine Maschine sich zu erregen. So mag es nicht gemeint gewesen sein, doch dazu hat es sich entwickelt. Das kann mensch wohl nur noch zur Kenntnis nehmen.

    Ich darf die Gelegenheit nutzen, deine Aufmerksamkeit auf eine ganz andere Ausprägung von Social-Media zu lenken: Das #Fediverse. Hierbei handelt es sich NICHT um den neuesten heißen Scheiß eines wie auch immer finanzierten coolen Startups aus dem Berlin-Valley (oder anderswo), sondern um ein dezentrales Netzwerk verschiedenster Services, die eines gemeinsam haben: Offenheit und Interoperabilität.

    Ob du nun der Foto-Typ bist (Pixelfed), der Twitter-Afficionado (Mastodon), etwa Facebook geprägt (Friendica) oder gleich multiple Anwendungsfälle in einer Applikation suchst (Hubzilla): alle diese Services sind in der Lage miteinander über ein offenes Protokoll zu kommunizieren (ActivityPub).

    Die Software Frage mag noch etwas für Nerds sein, die Anwendungsbreite und das dahinter stehende dezentrale Datenkonzept ist es nicht mehr. Denn inzwischen gibt es tatsächlich auch eine Avantgarde von Bundes/Landes/Kommunalbehörden die gelernt haben diese Kanäle zu nutzen. Journalist:innen, Künster:innen und NGOs sowieso. Das macht es jeden Tag spannender.

    Und wenn Elon Musk sich eines nicht fernen Tages selbst zum König von Twitter krönt, dann ist diese „Föderation“ der demokratische Gegenentwurf dazu.

  2. Ach! Wie lustig ist das denn?! Zumindest bei Reddit und Discord bin ich auch inzwischen gelandet. Was ich an beiden Plattformen sehr schätze ist der themengeriebene Ansatz. Es passiert praktisch nie, dass dort ernsthafz jemand der von der Community (Reddit) oder dem Server (Discord) abgesteckten Rahmen verlässt, und so habe ich das thematische Spektrum, das mich erreicht voll im Griff.

  3. @Maschinist: Freut mich, dich hier kommentieren zu sehen, lese drüben beim Extradienst oft deine Sachen!
    Zum Thema: Fediverse habe ich auf dem Schirm, komme aber eher über das Indieweb (siehe micro.kopfzeiler.org). Wobei da relativ wenig an Weiterentwicklung kam. Vielleicht sollte ich mir Mastodon mal wieder angucken, das schlief ja auf Anwendungsebene nach dem anfänglichen Hype etwas ein, aber vielleicht hat sich das geändert.

  4. Spielt LinkedIn für Journalisten noch keine Rolle? Sei es als „Recherchequelle“ oder im Hinblick auf Sichtbarkeit? Oder nur für die aus dem Wirtschaftsressort?

  5. Pingback: Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 11.4.2022 – Buddenbohm & Söhne

  6. @James: Ich bin in ein paar Kanälen zu Tech- und Technologiepolitik im weitesten Sinne, dazu Stadtkanäle wie Berlin Social.

  7. Pingback: Absterbeprozess – anmut und demut

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