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Riskante Zinswende

Die Inflation steigt, und zwar wegen massiv gestiegener Energie- und Lebensmittelpreise sowie gestörter Lieferketten. Die Europäische Zentralbank erhöht die Zinsen, um gegenzusteuern. Funktioniert das?

Es gibt dabei eine alte Logik, die aber schon einmal nicht anwendbar ist: Kredite werden teurer, Unternehmen und Privathaushalte leihen weniger, der Konsum wird gebremst und die Preise stagnieren. Aber wir haben eben kein Problem mit einer Überhitzung der Wirtschaft, vielmehr funktioniert die Angebotsseite durch externe Schocks nicht mehr – und die Nachfrage nach Grundbedarfsgütern wie Energie und Lebensmittel ist eben nicht so einfach per Zins steuerbar (Bemerkung: Über die inflationäre Rolle der Geldmenge durch Nullzinspolitik sollen die Experten etwas sagen, da bin ich im Detail überfragt).

Die zweite Logik, auf die sich nun berufen wird, geht so: Wenn der Euro für Investoren interessanter wird, wird er aufgewertet und ist international kaufkräftiger. Energieimporte werden dadurch billiger.

Das Ganze ist allerdings ein Experiment: Denn wie stark die Wechselkurse wirklich vom Zins alleine beeinflusst werden (zumal, wenn man sich in einen Zinswettbewerb mit dem Dollar begibt), ist außerhalb der Lehrbücher gar nicht gesichert. Und die Energiepreise hängen zum Beispiel auch mit dem OPEC-Kartell zusammen, das über die Öl-Fördermenge entscheidet.

Es könnte also sein, dass die Zinswende vor allem Investitionen abwürgt. Was gut ist, wenn wir auf die Immobilienpreise blicken. Aber schlecht, wenn wir auf Firmen-Modernisierung und Arbeitsplätze blicken. Und höhere Kreditkosten könnten an die Verbraucher weitergegeben werden – und so ebenfalls die Preise antreiben. Und in der Eurozone haben wir natürlich weiterhin das Szenario, dass die unterschiedlich hohe Staatsverschuldung (und ihre Bepreisung) zu einer neuen Krise führt, bei der Länder wie Italien im Mittelpunkt steht.

Ich weiß noch nicht, wie wir im Herbst oder im nächsten Frühjahr dastehen. Aber ganz so logisch und simpel, wie die Zinswende vielerorts dargestellt wird, ist sie nicht.

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