Ich hatte im aktuellen Internet-Observatorium keinen Platz mehr, aber will doch kurz etwas über die Scam-Lager/Betrugsfabriken in Ländern wie Kambodscha schreiben. Dort arbeiten Schätzungen zufolge Hunderttausende am sogenannten „Pig Butchering“, konkret an Liebes- oder Crypto-Scams. Die meisten von ihnen sind selbst Opfer von Menschenhandel, werden in den bewachten Scam-Lagern festgehalten und dazu gezwungen, als Online-Betrüger zu arbeiten. Viele wurden mit falschen Jobversprechen nach Südostasien gelockt und können nicht fliehen, weil man ihnen Geld und Pässe abgenommen hat. NGOs sprechen von“Sklavenkolonien“.

Wired hat mit Hilfe des Informationen Mohamed Muzahir Tausende Dokumente und Chatverläufe aus einer dieser Betrugsfabriken aus Laos einsehen können. Ein übersetzter Auszug aus dem Artikel:

„Anstelle einer expliziten Inhaftierung stützte sich die Anlage auf ein System der Leibeigenschaft und Verschuldung, um ihre Arbeiter zu kontrollieren. Wie Muzahir beschrieb, erhielt er ein Grundgehalt von 3.500 chinesischen Yuan pro Monat (etwa 500 US-Dollar), was theoretisch 75 Stunden Nachtarbeit pro Woche einschließlich Essenspausen bedeutete. Obwohl ihm sein Reisepass abgenommen worden war, wurde ihm gesagt, dass er ihn zurückbekommen und das Gelände verlassen dürfe, wenn er seinen „Vertrag” mit einer Zahlung von 5.400 US-Dollar abbezahlt habe. In Wirklichkeit zeigen die WhatsApp-Chats, dass selbst dieses magere Gehalt fast vollständig durch Strafen aufgezehrt wurde.“

Der Bericht ist auf gruselige Art faszinierend, weil er zeigt, wie die Chefs der Scammer selbst mit emotionaler Manipulation arbeiten, den Gefangenen immer wieder Hoffnung machen, freizukommen, um sie dann mit Strafen zu belegen und die Rückzahlung der Schulden unmöglich machen. Oder auch wie die Schichten sich nach den US-Zeitzonen richten, weil vor allem indischstämmige Amerikaner im Visier dieser Fabrik sind. Und auch KI spielt eine Rolle:

„Die internen Chat-Protokolle, die Muzahir erfasst hat, beschreiben einen speziellen „KI-Raum”, in dem ein weibliches Model auf Anfrage Anrufe mit einer endlosen Reihe von Opfern führt, ihr Gesicht mit Hilfe von Face-Swap manipuliert. In einer WhatsApp-Nachricht eines Chefs an den Gruppenchat heißt es: „Sana (unser Model, das uns bei den Anrufen hilft) ist heute Abend nicht verfügbar. Sie fühlt sich nicht gut. Versprechen Sie Ihren Kunden daher nicht, dass sie anrufen wird. Vielleicht kommt sie morgen früh zur Arbeit. Plant eure Arbeit entsprechend.”“

Die Betrugsfabriken in Laos gelten offenbar noch als weniger brutal als die in Kambodscha. Amnesty International hat Überlebende aus einem Scam-Lager dort befragt. Übersetztes Zitat:

„Amnesty International schätzt, dass in den letzten Wochen Tausende von Menschen aus mindestens 17 Betrugs-Lagerstätten in ganz Kambodscha freigelassen wurden oder geflohen sind. Die gesammelten Zeugenaussagen scheinen die Massenfluchten und Freilassungen aus Lagerstätten zu bestätigen, die in mehr als 25 Videos zu sehen sind, deren Geolokalisierung Amnesty International Anfang dieses Monats vorgenommen hat. Viele derjenigen, die die Lager verlassen haben, sitzen in der Hauptstadt Phnom Penh fest und brauchen dringend Hilfe. Amnesty sprach mit Überlebenden aus Ländern wie Brasilien, Indonesien, Myanmar, Nigeria, Sierra Leone, Liberia, Uganda, Kenia, Bangladesch, Indien, den Philippinen und Madagaskar.

Amnesty sprach mit zwei schwangeren Frauen, die angaben, von den Leitern der Lager vergewaltigt worden zu sein, während mehrere andere Überlebende von sexuellen Übergriffen durch die Leiter berichteten. Viele gaben an, Todesfälle in den Lagern beobachtet zu haben, die hauptsächlich auf mangelnde medizinische Versorgung zurückzuführen waren, die von den Leitern der Lager verhindert wurde. Andere beschrieben, wie sie Zeugen von Folter oder anderer grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung wurden, darunter auch von einem Mann, dem als Strafe ein Finger abgeschnitten wurde.

Ein Überlebender berichtete Amnesty International, er habe miterlebt, wie ein Mann von einem Lagerleiter ermordet wurde, nachdem dieser bei einem Fluchtversuch erwischt worden war. Zehn weitere Überlebende gaben an, dass die Polizei regelmäßig ihre Lager besuchte, unter anderem um Leichen zu entfernen, ohne jedoch Maßnahmen gegen die Lagerleiter zu ergreifen.“

Dass inzwischen Tausende Betroffene von ihrem Schicksal erzählen können, liegt an zwei Verhaftungen, wie das Wall Street Journal berichtet.

„Die Verhaftung von zwei mutmaßlichen Anführern transnationaler Betrugsnetzwerke in Kambodscha hat dazu geführt, dass Tausende von Arbeitern – viele von ihnen Opfer von Menschenhandel – aus Anlagen im ganzen Land entlassen wurden. Dies ist eine der bislang größten Umwälzungen in der sogenannten „Pig-Butchering“-Branche.

Die Maßnahmen der Regierung reichen jedoch nach Ansicht von Experten nicht aus, um eine illegale Branche auszurotten, die in Kambodscha tief verwurzelt ist und in den letzten Jahren Milliarden von Dollar von Amerikanern gestohlen hat. Die kriminelle Aktivität wird als „Schweineschlachten” bezeichnet, weil die Täter langsam Beziehungen zu ihren Opfern aufbauen, bevor sie ihnen ihr Geld stehlen.

Am 6. Januar verhafteten die kambodschanischen Behörden Chen Zhi, den Vorsitzenden des kambodschanischen Mischkonzerns Prince Group, den die USA im Oktober wegen des Vorwurfs, eines der größten transnationalen Schweineschlacht-Netzwerke Asiens zu betreiben, mit Sanktionen belegt und angeklagt hatten. Der 38-jährige Chen wurde am folgenden Tag auf Antrag Pekings in sein Heimatland China ausgeliefert.

Etwas mehr als eine Woche später nahmen die kambodschanischen Behörden den 49-jährigen Ly Kuong, einen kambodschanischen Casino- und Immobilienmagnaten, in Gewahrsam und klagten ihn wegen Betrugs, Geldwäsche und Ausbeutung illegal angeworbener Arbeitskräfte an.“

Viele von den Freigelassenen indes sitzen fest: Sie haben kein Geld und keinen Pass. Vor allem aber keine Unterstützung durch den kambodschanischen Staat oder ihre Heimatländer. Sie müssen deshalb fürchten, erneut in die Fänge des organisierten Verbrechens zu geraten.