Ich habe eigentlich gar keine große Lust, über die „Epstein-Files“ zu schreiben. Weil sie nicht als Erklärung für Trumps Handeln oder sonstwas erklären. Sie sind in politischer Hinsicht eine Ablenkung, aber dazu unten mehr.
Weshalb ich dann doch darüber schreiben muss, sind die Folgen. Denn natürlich ergibt sich aus der Lektüre/dem Narrativ darüber das Bild einer Elite, in der politische Haltungen weit weniger relevant sind als die gemeinsame Zugehörigkeit. Wall-Street-Leute, Politiker verschiedener Parteien, das britische Königshaus, Leute aus dem Silicon Valley, Eitelkeitskulturhustler wie John Brockman, Typen wie Steve Bannon, Professoren wie Noam Chomsky… sie alle pflegten das Geben und Nehmen an Informationen, Aufmerksamkeit und Kontakten. Und einige von ihnen erhielten direkte Geldzahlungen, Investments und Projektmittel. Zitat aus der Financial Times:
„The picture that emerges is of a man with an extraordinary ability to work out exactly what some of the world’s richest and most powerful people wanted and needed, and provide it to them. Epstein managed to keep doing this even after spending 13 months in jail starting in 2008 for soliciting prostitution from a minor.
He was able to turn those relationships into a source of money, information and further relationships, a form of social Ponzi scheme that he kept going until he was arrested and died in jail in 2019.
The needs of his elite group of associates varied. To satisfy them, Epstein could present himself as a confidant, a broker of introductions, a gateway to a more luxurious lifestyle, or even a banker. According to US prosecutors, he had also built “a network of minor victims in multiple states to sexually abuse and exploit”.“
Es ist die Schamlosigkeit der Beteiligten, mit der sie die Nähe zu Macht und Geld suchen, für sich selbst oder Verwandte nach Funding oder Karrierehilfe fragen. Das Gefühl unserer Fremdscham, wenn sie voreinander angeben, wenn Bannon und Epstein wie kleine Edgelords über den Systemumsturz fabulieren. All das macht es auch jenseits aller Sexualdelikte, die Epstein und ein kleiner Teil seiner Entourage begangen haben dürften, ziemlich widerlich.
Der Eindruck, der bleibt, ist der einer verkommenen und heruntergewirtschafteten Elite. Hinter diesem Eindruck verblasst auch längst die Unterscheidung zwischen Verbrechen, Skandal und legaler menschlicher Korrumpiertheit. Und das wird zum Problem für Gesellschaften als Ganzes: Das „Die da oben“, scheinbar bestätigt über Partei- und Milieugrenzen hinweg. Wer will so ein System und seine Institutionen retten und unterstützen?
Was ebenfalls verschwimmt, ist der Unterschied zwischen Projektion und Fakten. Die Epstein-Akten waren für den Trumpismus eine Art Fortsetzung der QAnon-Verschwörung – das liberale Establishment, dem alles inklusive Menschenhandel zuzutrauen ist. Spätestens seitdem die Trump-Regierung sich bei der Freigabe der Akten so verdächtig verhalten hat, ist die Verschwörungstheorie auf die andere Seite gewandert (während die Trumpisten sich zurückhalten): Nun sind es die Progressiven in den USA (und darüber hinaus), die Trump als Epstein-„Klienten“ betrachten oder Epstein als russischen Spion, der Material über Prominente inklusive Trump sammelte (was ganz gut zur Russiagate-Psychose der Progressiven aus Trump erster Amtszeit passt).
Kurz: Der paranoide Stil der amerikanischen Politik ist zu voller Blüte gereift, und die Epstein-Files machen ihn zum Exportartikel. Er wird dem Nihilismus weiteren globalen Auftrieb geben.
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