Es gibt diese Szene in der Autobiografie von Guns N‘ Roses-Bassist Duff McKagan, die mir im Gedächtnis geblieben ist: Die Band ist 1993 in Spanien und bestreitet gerade den x-ten Stopp ihrer zweijährigen Stadiontour. Alle sind zerstritten, es herrscht völliges zwischenmenschliches Chaos und Axl Rose hat sich angewöhnt, Auftritte zu torpedieren (sich zum Beispiel in Stockholm ein Feuerwerk in der Altstadt angeguckt, während ein paar Kilometer weiter Zehntausende samt seiner Band darauf warten, dass er endlich auf die Bühne steigt). Auch an diesem Abend in Barcelona will er nicht auf die Bühne. Er weigert sich, kein gutes Zureden hilft, die Band müsste schon längst auftreten und draußen wird das Publikum im Olympiastadion langsam krawallig. Etwas unterscheidet Axl aber von den anderen: Er ist nicht so druff oder besoffen wie seine Bandkollegen, die die Tour längst nur noch im Nebel wahrnehmen. Und so macht er seiner Band ein Angebot: Unterschreibt diesen Vertrag, in dem Ihr mir die Rechte an GN’R übertragt, und wir treten auf. Gesagt, getan.

Was daraus wurde, ist bekannt: Guns N‘ Roses lösen sich wenige Wochen später de facto auf, bis in die 2010er-Jahre nutzt Axl die Namensrechte, um mit angeheuerten Berufsmusikern als Guns N‘ Roses aufzutreten. Irgendwann gibt es dann die Teil-Reunion mit McKagan und Slash, seitdem tourt man wieder halbwegs original und äußerst lukrativ durch die Welt.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass eine „Band“ eine Band bleibt, selbst wenn sich die Besetzung deutlich ändert. Schlagzeuger waren sowieso immer – nicht nur bei Spinal Tap – in Gefahr, ausgetauscht zu werden, meistens (aber nicht bei den Sex Pistols) musste aber zumindest Sänger/Sängerin gleichbleiben, zumindest, wenn die Person nicht tot war. Beim Wu-Tang Clan wiederum wissen eh nur Hip-Hop-Chronisten, wer Teil der „echten“ Band war (ein ständiges Kommen und Gehen), und Nine Inch Nails waren nie eine „Band“ im klassischen Sinne, sondern schlicht Trent Reznor mit ein paar Leuten, die er bezahlt.

Das New York Magazine berichtet jetzt, wie das Phänomen gerade von den wirklich alten Bands da draußen auf die Spitze getrieben wird: So gehen diesen Sommer zum Beispiel Foreigner und Lynyrd Skynyrd auf US-Tour, aber bei keiner der beiden Bands ist noch ein einziges Originalmitglied mit an Bord, vielmehr sind die Mitglieder alle eine Generation jünger als die eigentliche Besetzung. Ein ehemaliges Foreigner-Bandmitglied wird mit den Worten zitiert: „Wir sind Mitte 70 oder Anfang 80, daher fällt es uns schwer, noch da rauszugehen. Wir sind körperlich zu alt, um längere Tourneen zu machen. Das Reisen ist das Schlimmste daran. Wir können es nicht mehr so machen, wie wir es gerne hätten. Diese Songs sind sehr anspruchsvoll. Wir müssen den Staffelstab an neue Musiker weitergeben, die das können.“ Die beiden Rockgruppen sind nur ein Beispiel eines wachsenden Phänomens. Selbst eine A-Cappella-Band aus den Fünfzigern tourt noch durch die USA, obwohl die eigentlichen Mitglieder fast alle tot sein dürften.

Was die Frage aufwirft: Sind das jetzt Coverbands, eine „Vegas-Version“ des Originals, wie es ein Manager nennt? Oder ist das wie bei Firmen, die letztlich auch unter ihrem Namen weitermachen, selbst wenn der Gründer tot oder die namensgebende Eigentümerfamilie raus ist? Entwickelt sich die Musik zu einer Art Marken-Business (wie man ja auch an den KI-Künstlern sieht)? Hat es damit zu tun, dass im Streaming-Zeitalter deutlich weniger Megaseller als früher groß rauskommen und die Nostalgie einfach in Summe lukrativer ist? Es ist alles ein bisschen absurd.