Der Historiker Michael Wolffsohn hat unter dem Titel „Genie und Gewissen – Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus“ ein Buch über Herbert von Karajan (1908 – 1989) geschrieben. Im Mittelpunkt steht dessen Verhältnis zum Nationalsozialismus. In Auftrag gegeben wurde das Werk von Karajans Kindern und der Karajan-Stiftung.

Es ist, wenn man den Kritiken glauben schenkt, ein „mildes“ Buch geworden. Wie milde, davon gibt ein Interview in der FAZ Zeugnis. Es ist fast schon schmerzhaft, wie Wolffsohn Karajan zu verteidigen versucht, selbst die Rolle des Opportunisten will er ihm nicht zugestehen, sondern eher die eines Künstlers, der irgendwie in die falsche politische Zeit hineingerät.

Nun, Karajan war zwar Österreicher, wurde aber trotzdem bereits im Frühjahr 1933 Mitglied der deutschen NSDAP. Aus Karrieregründen, folgert Wolffsohn, der wirklich noch jeden kleinsten Strohhalm ergreift, um den Dirigenten freizusprechen. Zum Beispiel, dass dieser – wow! – nach dem Krieg ein Vertrauensverhältnis zu Kardinal Franz König pflegte, der ja ein „Freund der Juden“ war.

Der Gipfel (oder Tiefpunkt?) ist vielleicht diese Aussage:

„Zudem hatte Karajan seiner Tochter Isabel die „Kulturgeschichte der Neuzeit“ von Egon Friedell geschenkt, der sich als Jude aus Angst vor den Nationalsozialisten aus dem Fenster gestürzt hatte. Ich hatte das Glück, die Bibliothek des aufgelösten Karajan-Hauses in Sankt Moritz auswerten zu dürfen. Und dort war Friedells „Kulturgeschichte“ total zerlesen, also erkennbar intensiv benutzt. Ich halte mich also nicht nur an Verbalzeugnisse, sondern suche nach nonverbalen Indikatoren für Verhalten und Überzeugungen. Ich schaue ins Paket und nicht nur auf die Verpackung.“

Es lässt sich immer darüber diskutieren, ob die Nachgeborenen manchmal zu unnachgiebig urteilen, wenn sie Zeiten bewerten, deren Erfahrungen ihnen fremd bleiben müssen. Aber Karajan mit solchen Taschenspielertricks freizusprechen, wird weder der Verantwortung eines Biografen gerecht, noch Karajans eigener privilegierter Position. Letztlich führte seine Ablehnung von Verantwortung (er hatte die Wahl!) nur zu einem kleinen Reputationsschaden gegen Ende seines Lebens (der von der Klassik-Szene ohnehin nur als Spielverderberei betrachtet wurde). „Der Künstler schwebt über allem“, könnte Wolffsohns Motto lauten. Und das ist heute so falsch wie 1933.