Neulich beschrieb der Ökonom Adam Tooze den Moment der Verzweiflung, als er auf einer Podiumsdiskussion saß und erkannte, dass den anderen Panelisten und Panelistinnen die Beispiellosigkeit der gegenwärtigen Situation nicht klar war. Das hier ist keine Krise, wie wir sie kennen.

„With regard to time, the assumption of historical continuity seems borderline nostalgic.
As the organizer of the meeting said to me beforehand, talking about crisis almost seems like welcoming an old friend.

Why assume the relevance of precedent?
And with the loss of precedent, do we not also have to let go of inspiring examples of the past.
Or if we do invoke them, must we not, at least, display a high degree of self-consciousness.
Must we not acknowledge such arguments as exhibiting something akin to a camp sensibility?“

Und in Anspielung auf den dem Zauberberg inhärenten Epochenbruch kommt er zu dem Schluss:

„We may not have experienced a Great War, but is there not a similar sense of rupture separating us from the the 20th century and its precedents, its models and its inspirations?“

Kurz darauf erfand Kevin Munger den Begriff „Boomer Realism“: Der Versuch, sich an den Institutionen, Maßstäben und Prozessen des 20. Jahrhunderts zu orientieren, um auch im Jahr 2026 die Illusion der Normalität aufrecht zu erhalten. Marcus Bösch beschreibt „Boomer Realism“ so:

„It is a play on words referencing Capitalist Realism — the concept developed by cultural theorist Mark Fisher, who in 2009 argued that capitalism had become so naturalized it had ceased to be visible as a system at all. It was “just reality”. Fisher’s famous provocation: it is easier to imagine the end of the world than the end of capitalism.

Munger’s Boomer Realism works the same way but for a specific worldview. The assumptions, premises and cultural categories of the postwar liberal order — presented not as one particular way of seeing but upholding the illusion of normalcy.“

Es formiert sich gerade etwas neu, aber in unserer Gedankenwelt fällt es schwer, das „Neue“ nicht durch die Linse des „Alten“ zu sehen. Was prinzipiell gut ist, denn die dort im „Alten“ verankerten Normen und Maßstäbe sind durchaus hilfreich. Auch dabei, nicht den Verstand zu verlieren.

Und zugleich fühlt es sich an wie vergebene Liebesmüh‘. Nicht, weil das „Neue“ unvermeidbar oder nicht zu beeinflussen wäre; sondern weil es schwer zu glauben fällt, dass wir mit dem „alten“ Denken und den alten Gewissheiten das „Neue“ überhaupt genau genug umreißen und begreifen können, um es am Ende auch wirklich bewegen zu können.

Gut 14 Tage nach der US-Wahl 2016 schrieb ich hier den Satz „Es wird keine Rückkehr zur Normalität geben“. Diese Erkenntnis war seit damals durchaus das Leitmotiv in meinem Blick auf die Welt. Ich kann also sagen, dass ich zumindest vorbereitet war. Aber nicht, dass ich mag, was ich sehe.